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PRO: Für den Fußball, für die Fans (mat)

Eine technische Überprüfung der Ergebnisse gibt es in den meisten Sportarten. Warum im Fußball nicht? Versuch einer sinnvollen Regelung für Videoaufzeichnungen zur Entscheidungsfindung:

Ein Videobeweis ist nur zulässig, wenn es sich um strittige, also nicht auf den ersten Blick offensichtliche Umstände handelt UND diese den Spielausgang beeinflussen können. Das sind einerseits solche Situationen, durch die oder in deren unmittelbaren Anschluss ein Tor hätte fallen können bzw. ein womöglich irreguläres Tor gefallen ist (Abseitstor, absichtliches Handspiel im Strafraum, Ball auf oder über der Linie? usw.) und andererseits jene, worauf ein Spieler vom Platz gestellt werden würde. Nicht die Trainer, wie im American Football üblich, sollen bestimmen können, ob es sich um eine solche Szene handelt. Der Schiedsrichter selbst müsste das in Absprache mit dem vierten Offiziellen am Spielfeldrand klären, der das Spiel am Monitor verfolgt und mit dem Referee ohnehin über Funk verbunden ist. Dafür bedarf es natürlich ehrlicher Schiedsrichter, die zugeben können: „Das habe ich nicht so genau gesehen. Lieber noch einmal auf Video.“ Die Obergrenze für die Entscheidungsfindung sollte höchstens 60 Sekunden betragen. Innerhalb dieser Zeit können sich die beiden Offiziellen die Situation aus mehreren Perspektiven ansehen. In einem durchschnittlichen Spiel kommt es zu nicht mehr als zwei, drei solcher Fälle, wodurch sich auch die Verzögerungen im Rahmen halten würden.

Selbst wenn Fernsehbilder auch nicht immer alles offenbaren und beim Bier nach dem Spiel trefflich über die Fehlentscheidungen des Schiris geschimpft wird: Ich sehe dem Fußball nicht gerne zu, wie er sich durch Berufungen und Einsprüche abseits des Spielfeldes und lächerliche Wiederholungsspiele selbst zerstört.

CONTRA: Der Fußball im Zeitalter totaler technischer Kontrolle (cdw)

Durch allerlei technische Hilfsmittel seien wir auf dem besten Weg uns selbst abzuschaffen, warnte bereits der mittlerweile verstorbene US-Medienkritiker Neil Postman. Umgemünzt auf den Fußballsport könnte das heißen: Wozu brauchen wir einen menschlichen Schiedsrichter, wenn Maschinen richtiger entscheiden? Wozu ein „Outwachler“, wenn jeder Videobeweis ein Abseitstor besser als solches erkennt, jede Zeitlupe einen vermeintlichen Strafstoß als Schwalbe entlarvt? Wozu überhaupt noch Menschen am Fußballfeld? Schließlich würden Roboter aus zwei Metern Distanz bestimmt nicht über das Tor schießen – oder sich knapp vor Spielende eine rote Karte einhandeln.

Der Impetus der totalen Technisierung macht auch vor dem Sport nicht halt. Mit ihm einher geht der Wunsch nach der totalen Transparenz. Letztere mag scheinbar gerechtere Ergebnisse generieren, aber wird sie dem Kulturgut Fußball gerecht? Sie wird es nicht. Fußballspiele ohne Fehlentscheidungen – oder zumindest ohne eine Option auf solche – zerstören eines der letzten archaischen Refugien unserer Gesellschaft. Noch kontrastiert der Fußball eine auf totale Funktionalität ausgerichtete Arbeitswelt und eine sich in Richtung totaler Kontrolle bewegende gesellschaftliche Ordnung mit seinen irrationalen Entscheidungen, überraschenden Wendungen und zutiefst menschlichen Regungen.

Der Ruf nach Videobeweisen, Neuaustragungen und „mehr Gerechtigkeit“ durch totale technische Kontrolle bestätigt nur die These vom Sport als Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich vom Menschsein dramatisch weit entfernt hat.