Wir schreiben den 20. Juni und im Wiener Ernst-Happel-Stadion treffen die Teams aus Kroatien und der Türkei aufeinander. Nachdem der Sommer wieder die Überhand gewonnen hat, zeigt das Thermometer 27 Grad Celsius an. Kühl, im Vergleich zum Feuer der abertausenden Fans beider Teams, welche die österreichische Bundeshauptstadt an diesem Tag bevölkern. Ein offener Schlagabtausch am Spielfeld wurde erwartet. Doch es sollte, zumindest vorerst, alles ganz anders kommen.

Nach abspielen der Hymnen (die Sympathisanten der Kroaten verhielten sich hier mit Pfiffen nicht ganz fair) setzte ein Spiel ein, welches nicht wirklich die anfänglichen Erwartungen erfüllte. Die erste Viertelstunde begann technisch verhalten, wurde vom K(r)ampf bestimmt und beiden Teams gelangen keine entscheidenden Aktionen. Eine Möglichkeit von Dario Srna in der sechsten Minute bildete das Highlight. Abtasten, auf hohem Temponiveau, schien die Devise zu sein. Eigentlich ging man davon aus, dass die Kroaten mit „Hirn“ (technisch/taktische Spielweise) und die Türken mit „Herz“ (Kampf/Einsatz) spielen würden. In Wahrheit schienen beide Teams zu diesem Zeitpunkt das „Herz“ zu bevorzugen – ohne jedoch für Attraktivität für den Zuseher zu sorgen.

Die erste große Möglichkeit des Spieles fand in der 19. Minute statt. Nach tollem Pass von Modric auf Olic traf dieser jedoch nur die Latte. Eine schnell herausgespielte Möglichkeit, deren Verwertung dem Spiel nur gut getan hätte. Wirklich wesentliche Chancen fehlten jedoch. Die Türkei ging vom Tempo, die Kroaten fanden besser ins Spiel und vor allem über Krancjar und Modric kamen sie zu spielerischen Vorteilen. Die Mannschaften verabschiedeten sich nach einer wenig attraktiven ersten Halbzeit in die Kabinen.

Die zweite Spielhälfte begann, wie die erste geendet hatte. Leichte Vorteile für die Kroaten, die eher zu Chancen kamen. Vor allem Olic leistete viel Laufarbeit, war jedoch im Abschluss ungefährlich. In der 51. Minute kam er, dank großer Unsicherheiten in der türkischen Abwehr, zu einer nicht-zwingenden, jedoch durchaus möglichen Torchance. In der 57. Minute schoss er dafür ein wundschönes Tor, nachdem der Linienrichter bereits (völlig zurecht) die Abseitsfahne gehoben hatte und der Pfiff des Schiedsrichters erfolgte. Reklamationen blieben aus, zu klar war die Abseitsstellung.

Der weitere Spielverlauf verlief enttäuschend. Das Spiel wurde zunehmend langweiliger. In der Zwischenzeit spielte ich, leicht ob der schwer verdaulichen Kost am grünen Rasen mit der Katze – was diese sicherlich freute. Das größte Highlight in diesen Minuten waren wohl vereinzelte „Immer wieder Österreich“-Chöre. In der 84. Minute kam es noch zu einem sehr gut geschossenen Freistoß von Srna, welcher vom türkischen Rekordnationalspieler Rüstü ebenso gut pariert wurde. Olic scheiterte in der 90. Minute wiederum an einem sehr sicher wirkenden Rüstü. Abpfiff der zweiten Spielhälfte – die erste Verlängerung dieser Europameisterschaft.

Die zuvor beinahe schläfrig wirkenden Türken erwachten. Sie begannen sehr druckvoll, während sich die Kroaten auf ihre taktischen Fähigkeiten verließen. Insgesamt wirkten die Türken agiler und spritziger. So kam auch Tuncay, einer der besten Spieler auf dem Platz, in der 102. Minute zu einer großen Möglichkeit für die Türken, als er außerhalb des 16ers das Tor ins Visier nahm.

Die zweite Spielzeit der Verlängerung verlief ausgeglichener als die erste. Beiden Teams war die Müdigkeit schon stark anzumerken. So kam auch kein Team zu guten Torchancen. Man merkte, dass sich sowohl die Kroaten, als auch die Türken bereits auf ein Elfmeterschießen einstellten. Doch die 119. Minute schien die Träume der Eurasier zerplatzen zu lassen. Rüstü, der bis dahin eine tadellose Partie als Ersatzmann für Volkan Demirel spielte, ließ sich von Modric aus dem Tor locken. Dieser brachte den Ball in die Mitte, wo sich Klasnic mit einem Kopfballtor im Getümmel bedankte. 1:0 für die Kroaten, und dies kurz vor Abpfiff. Eigentlich sollte dies die Entscheidung sein – doch gegen das türkische Team muss man bei dieser EM als gegnerische Mannschaft bis zur letzten Sekunde mit dem Schlimmsten rechnen. Und so war es Semih Sentürk, der, dramatischer könnte es nicht sein, in der 121. Minute einnetzte. Hoher Ball nach vorne, der eingewechselte Sentürk netzte eiskalt ein. Elfmeterschießen – die Türken wirkten euphorisch, die Kroaten gebrochen. Während das Spiel bislang die Gähnmuskeln strapaziert hatte, wich das Gefühl der Langeweile ab dem ersten Tor schlagartig einer mitreißenden Dramatik.

Elfmeterschießen: Die Türken trafen, Modric und Raketic verfehlten klar das Tor. Rüstü, dem die Hauptschuld am Treffer der Kroaten trifft, rehabilitierte sich. Der vierte Schütze der Kroaten, Petric, konnte nur hilflos zusehen, wie der türkische Torhüter den Ball unter sich begrub. Tränen bei den Kroaten, grenzenlose Freude bei den Türken. Die spielerische Langeweile schlug in Dramatik um – that´s football.

Damit steht das erste Semifinale fest. Deutschland, die wohl effizienteste Turniermannschaft, wird auf die Türkei treffen. Und, frei nach Machiavelli, könnte gerade Deutschland der größte Profiteur dieses Viertelfinales gewesen sein. Während sich die Türken über 120 Minuten mit den Kroaten abmühten, haben die Deutschen einen Tag länger Zeit zur Regeneration. Es scheint, auch wenn sich die Türkei nun sicherlich im kollektiven Freudentaumel befnden wird, dass wieder einmal die Deutschen der lachende Dritte sein werden. Doch vielleicht schaffen die Türken im Halbfinale abermals die Sensation – vielleicht in einem Spiel mit wiederum dramatischen Ende?

Bild 1: LAN/kick08.net; Bild 2: Rev.Santino unter CC-Lizenz

Edit: Wie es scheint, gab es neben Freude und Trauer bei den Fans auch einige Vollkoffer, die mit ihrem Unverhalten die 99 % der friedlichen Fans ein wenig überschatten. kick08.net stellt fest: Hupen hui! Hauen und Zeugs werfen pfui!