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“SCHEISS EM 08″ - unter diesem provokanten Titel veranstaltete die Revolutionär Sozialistische Organisation (RSO) gestern im 10. Wiener Gemeindebezirk eine europameisterschaftskritische Podiumsdiskussion. Mike Oberbichler (OMI) und Andreas Lindinger (LAN) waren für kick08.net als wohl einzige unabhängige Medienvertreter mit dabei:

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Impulsvorträge (LAN)

Lange Zeit saßen wir vor Veranstaltungsbeginn als Einzige in der ersten Reihe, was uns neben einer uneingeschränkten Fotografierposition auch ein nettes Begrüßungsgespräch mit einer Vertreterin der Revolutionär Sozialistischen Organisation über Studium, Sport und Politik brachte, welches hier und dort schon einen Vorgeschmack auf die folgenden Veranstaltungsinhalte geben sollte. Die Impulsvorträge begann Gianni Casutt, seines Zeichens Herausgeber des Schweizer Fußballmagazins “Zwölf” mit einem Bericht zur Lage der Fanstimmung in der Schweiz eineinhalb Monate vor EM-Beginn. Plakative Angriffe auf die EM anhand von Transparenten wie in Österreich habe es in der Schweiz nicht gegeben, hingegen auch eine Repressionswelle und Fanproteste sowie Faninitiativen, welche ihre Kritik jedoch nicht an der EM sondern an den konkreten Aspekten wie Stadionverboten oder überhöhten Eintrittspreisen äußerten. Neben dem von Casutt angesprochenen Problem des von den Sponsoren geförderten Nationalismus ist auch die Gewaltfrage in der Schweiz sehr präsent, insbesondere viele überzogene Polizeieinsätze mit Tränengas und Wasserwerfer, neue Polizeigesetze und Hooligandatenbanken wurden angeprangert. Franz Jackel, Fanclubmitglied der Friedhofstribüne und Vorstandsmitglied des Wiener Sport-Club, merkte in seinem Vortrag an, dass die EM im Fußballunterhaus zwar weniger präsent wäre und es dort ohne Repressalien auch deutlich gemütlicher ist, die verschärften Stadionbestimmungen würden jedoch auch die kleinen Vereine voll treffen. Darüber hinaus richtete er einen Appell an die Fans, Vereinsmitglieder zu werden und durch Wahlen und Aktivitäten auf diese Weise aktiv in den Vereinen mitzubestimmen anstatt sich nur mit einem Fanvertreter oder Protesten von außen zufrieden zu geben.

Ein Vertreter der Revolutionär Sozialistischen Organisation ging in der abschließenden Rede auf das eigentliche Thema der Veranstaltung ein und definierte “Scheiß EM” als Stimmung einer kleinen Minderheit und trat gegen Repression, Nationalismus und Kommerz auf. Der Austausch des Publikums weg vom Proletariat, die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten und die immensen Ausgaben von Steuergeldern für Infrastruktur, Werbung und Fanmeilen stellten weitere Kritikpunkte dar. Darüber hinaus befürchtete er eine zunehmende Gewalt an Frauen, kritisierte den massiven Ausbau von Überwachungssystemen und den enormen Aufschwung des Nationalismus (insbesondere in den Boulevardmedien), aufgrund dessen es seiner Meinung nach naiv wäre zu glauben, dass die EM der Völkerverständigung diene. Fußball sei eine spezielle Form kapitalistischer Massenkultur, der Neoliberalismus und die staatliche Kontrolle seien auch hier im Vormarsch - Aspekte, die ich in ähnlicher Form unter anderem auch vergangene Woche bei der Genderkonferenz der Universität Wien gehört habe, welche im Gegensatz zur gestrigen Veranstaltung jedoch durchwegs konstruktiver nicht nur Kritik sondern auch Lösungsansätze präsentierte.

Diskussion & Fazit (OMI)

Dem Schema einer Podiumsdiskussion folgend, kamen nach den drei Einleitungsreden Wortmeldungen aus dem Publikum. Ähnlich wie die Vorredner, verlor man auch hier schnell den Bezug zum eigentlichen Thema „Scheiss EM 08“ und tauschte gemeinsam Meinungsgleichheiten der revolutionären sozialistischen Bewegung aus – teilweise wurden sogar dreiminütige Kampfreden großen Sports auf die Bühne gezaubert. Kanzler Alfred Gusenbauer würde hier wohl den Begriff „Gesudere“ auf irgendeine Art und Weise einbauen, ich finde „Kampfrede“ interessanter. Positiver Bezugspunkt war hier Franz Jackel, der trotz Nervosität zumindest versuchte, den Fußball im Mittelpunkt zu halten und zu „erretten“ vor der linken Revolutions-Infiltration. Vor allem auch in Richtung Politik, die leider nur allzu oft den Fußball als Wegbereiter für dubiose Neuerungen verwendet und als Schuldigen deklariert, um so Kameras zu installieren, die polizeilichen Streitkräfte zu rekrutieren und ausstattungstechnisch zu erweitern. So kommt man zum fast schon paradoxen „Fußball wird genützt, um Freiheiten für Einschränkungen zu generieren“.

Ebenfalls zur Erwähnung kam das österreichische ballesterische Konkurs-Problem: Franz Jackel seinerseits fand schnell die Lösung bei den Sponsoren, die zwar Geld in die Mannschaften pumpen, aber eben nur in diese. Infrastrukturelle Kosten verschwinden irgendwo in den brüchigen Katakomben der Fußballplatz-Kabinen-Häuschen. Um auch gleich beim Geldproblem zu bleiben: Die Fanmeile Donauinsel, die an ein paar wenigen Euros scheitert, für die lieber Fähnchen in der ganzen Stadt zweimal aufgehängt wurden (die Schläue der Zuständigen bestand auf einem Aufhängen einen Tag vor dem damaligen Sturm, weshalb man teilweise wieder welche aus Sicherheitsgründen einholen musste). Ausweichpunkt ist das Hanappi-Stadion, weit weg vom Happel-Oval, welches in der Vergangenheit eher mit konträren Meinungen zur EURO profilierte (man achte auf den Titel der Veranstaltung).

Um aus meiner Sicht diese linke Propaganda-Stunde also zur Konklusio zu bringen noch zwei kurze Sätze: Erstens, es ist nicht alles „Fan“, was in der Kurve steht – politische Aktivisten, Erziehungsberechtigte, Radikale, usw. suchen permanent die Kurve bzw. das Stadion auf und sind deshalb noch lange kein Fan. Zweitens ist es immer wieder verwunderlich, wie oft man in zwei Stunden die Wörter Kapitalismus, Kommerz(ialisierung), rote Mafia etc. hören kann – wodurch man zwar interessante Aspekte eröffnet, aber wirklich Neues war eben nicht dabei, denn wir alle wissen, dass im Fußball die Sponsorenmafia schon lange ihr Unwesen treibt und die Mittelklasse langsam den „Fan“ verdrängt. Somit bleibt mir noch ein dritter Satz (alte Politikerangewohnheit, nie sein Wort zu halten): Eine zwar durchaus nette Veranstaltung (die Begrüßung vor allem), aber intentionslos und themenverfehlt, denn in der Verpackung sollte schon sein, was auf der Etikette steht.