FußballfeldMannI

Was einem bei Facultas nicht alles in die Hände fällt: Ein feministisch – sagen wir leicht angehauchtes – Buch über das Geschlechterverhältnis im Fußball. Arena der Männlichkeit von Eva Kreisky und Georg Spitaler. Mir persönlich stellt sich jetzt, da ich die Einleitung gelesen habe, folgende Frage: Provokation, feministische Propaganda oder einfach nur gewagte Aussagen mit Nahverhältnis zur Realität?

Grundsätzlich drängen sich mir nach Konsumation des Selbigen folgende Fragen auf, die im Anschluss auch gleich den Versuch einer Beantwortung enthalten:
Ist ein Fußballstadion wirklich Hort androzentrischer Herrschaftspraxis?
Sind Fankurven Symbole chauvinistischer Segregation?
Will die Wirtschaft diese männlich-hegemonialen Strukturen zur Erweiterung des Marktes aufheben und somit den streng sexistisch orientierten Militarismus (Fanklubs die Brigade heißen, Ausdrücke wie Angriff, Verteidigung, Kampf, Treue, Schießen…) aus den Kurven verbannen?
Nutzt die männliche Politik ballesterische Begrifflichkeit zur Ausgrenzung von Politikerinnen?
Ist der Fußballplatz bloß eine Allegorisierung der männlichen Emotionalität und Homoerotik?
Findet man auf dem Fußballplatz die letzte Bastion der echten Männlichkeit in der postfordistischen Gesellschaft?

Nun ja, dies waren ein paar Hypothesen aus der Einleitung des Buches, für deren Beantwortung ich mich verantwortlich fühle, mit ein klein wenig Sarkasmus wohl gemerkt:
Beginnen wir mit einer kurzen Erklärung des Begriffes Androzentrismus. Dieser bedeutet eine Fokussierung auf männliche Denkmuster. Entsprechend der rhetorischen Praxis ist eine Gegenfrage oft die beste Möglichkeit zur Beantwortung einer Frage: Sind wir Männer wirklich so böse und grenzen Frauen vom Fußballspiel aus? Verwenden wir absichtlich ballesterische Fachtermini, nur damit ihr uns nicht versteht oder ist es nicht vielmehr gängige Praxis, in einem wissenschaftlichen Fachgebiet Fachtermini zur schnelleren Abwicklung von Sprechakten vorauszusetzen – entsprechend der idealen Sprechsituation etwaige Vorkenntnisse als verständlich anzunehmen -, um eine punktuale Problemlösung zu erreichen? Und dürfen wir das nicht alle, auch wenn es sich nur um den „Proletensport“ Fußball handelt, der als Ventil für frustrierte Arbeiter und Arbeitslose zum gezielten Abbau destruktiver Energie dient, oder der als Plattform herhält, um die Mediengeilheit mancher Wirtschaftskrösi und Politiker zu befriedigen?

Kommen wir zur nächsten Frage: Werden wirtschaftliche Motive dazu missbraucht, die männlichen Horte der Androzentrischen Welt mit Frauen zu durchziehen? Hier ist man vielleicht ein klein wenig sozialen Missverständnissen aufgelegen. Grundsätzlich muss sich im Fußball jeder beweisen, ob auf der Tribüne, auf dem Feld oder auf der Trainerbank. Nur der Verweiblichung von Stadien wegen, um einen größeren Absatz von Merchandising-Produkten zu erreichen, werden Frauen nicht ins Stadion kommen. Vielmehr spielt hier eine soziale Komponente eine viel größere Rolle: Man kommt mit der Familie oder dem Freundeskreis ins Stadion. Sind Frauen oder Mädchen Teil einer Gruppe mit erhöhtem Männer- oder Jungenanteil, so zieht die gesamte Gruppe dementsprechend ins Stadion – dem Gruppenzwang sei Dank. Somit ist Fußball keine Metapher androzentrischer Segregation sondern Spiegelbild des sozialen Umfeldes der Stadionbesucher selbst.

Ein weiteres Problem findet Eva Kreisky bei der Unterscheidung zwischen Fußball (nur Männer) und Frauenfußball. Hier liegt die Ursache in der historischen Genese und der unterschiedlichen Entwicklung der beiden Sparten. Frauenfußball hat sich erst relativ spät etabliert und ist, vor allem in Österreich, noch nicht ähnlich ausgereift (gemeint ist nicht das Spiel, sondern die Infrastruktur mitsamt Sponsoring und medialer Erwähnung). Aber wer hat nicht mitgefiebert bei der letzten Frauen-Weltmeisterschaft? Ich schon.

Die letzten beiden Fragen scheinen bei einer gemeinsamen Erörterung wesentlich fordernder, deshalb jetzt zur echten Männlichkeit mit ihren Emotionen und homoerotischen Zwängen. Zur Frage stehen folgende Handlungen: Auf den Hintern klopfen, den Kopf tätscheln, weinen bei einer Niederlage im WM-Finale usw. Zeichen männlicher Homoerotik und Emotionalität. Drängt sich mir die Frage auf: Man kämpft für eigene große Ziele und scheitert knapp vor dem Ende, darf Mann da nicht emotional werden? Sich mit allen Mitteln für seine Werte einsetzen, darf Mann da nicht emotional sein? Dürfen Männer sich nicht gegenseitig auf den Hintern klopfen? Müssen wir Männer immer eine homophobe Distanz wahren? Und dürfen wir das alles wirklich nur im Stadion?

Mit der Hoffnung jetzt weder Frauen noch Männer vergrault zu haben beende ich diesen monologen Diskurs mit der Empfehlung dieses Buch zu lesen. Fehlt zwar streckenweise ein wenig der Praxisbezug, zum Denken animiert es alle mal.