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PRO: Aus Spaß an der Freude (the)

Herr und Frau Österreicher/in haben einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Wenn irgendwo „Tor-Tor-Tor-Tor-Tor-Tor – I werd’ narrisch“ ertönt, weiß man bzw. frau bescheid. Vielleicht wissen einige nicht, dass Cordoba in Argentinien liegt, oder dass die Leistung der österreichischen Mannschaft bei der WM 1978 recht mäßig war – aber dass hier der „Feind“ Deutschland mit 3:2 besiegt wurde, das wissen alle. Ganz klar, ohne Reporter-Legende Edi Finger senior und Torschütze Hans Krankl wäre Österreich um zwei Volkshelden ärmer.

Schicksal! – meinen angesichts des abermaligen Aufeinandertreffens der Erzrivalen (die es nur aus österreichischer Sicht gibt) die einen, grausam! – die anderen. Doch wer in Cordoba nur einen verstaubten Mythos sieht, der wie ein Klotz am Bein der Spieler haftet, vergisst das Potential des Cordoba `78 – Wien 2008 Jubiläums. Angesichts der bisher wenig erfreulichen Leistungen der ÖFB-Elf und des allgemeinen Fußball-Frusts, der von Statistikern verkündet wird, bietet gerade das „Losglück“ der Deutschen Anlass für Emotionalität, für wahre Begeisterung – wie wir sie in unserem Nachbarland im Sommer 2006 gesehen haben. Und dabei geht es nur bedingt um Fußball, so wie das bei allen Großereignissen der Fall ist. Das morgige Testspiel im Happel-Stadion dürfte über die fußballerische Stimmung im Land entscheiden – Kampfgeist ist gefragt. Für viele rot-weiß-roten Fans bedeutet das schlicht: Freude an der (irrationalen) Feindschaft, zelebriertes Wir-Gefühl und das Hoffen auf die nächste Sensation. „3:2, Deutschland fährt heim“, das will man im Juni lesen.

CONTRA: Overkill fürs Mittelmaß (mat)

Das schnitzelländische Nostalgietheater wird wieder aufgeführt. Ja, Falco auch, hier geht es aber um Fußball. Kaum ein Medium, das nicht penetrant auf das Zwischenrundenspiel der WM 1978 hinweist. Dabei ist es so unoriginell, ausgelutscht, einfallslos und phantasiefrei, sich heute auf Córdoba zu berufen, wie peinliche Witze über DJ Ötzis musikalische Begabung zu machen. Abgedroschen hoch zehn, alles schon tausendmal gehört.

Es gibt da diese Simpsons-Folge, in der Lisa die Wahrheit über den Stadtgründer Jebediah Springfield herausfindet. Als sie die Einwohner über dessen verderbtes Wesen aufklären will und in die funkelnden Augen ihrer patriotisch verklärten Mitbürger blickt, bringt sie es nicht übers Herz – ihnen die Illusion zu rauben, die die scheuklappengeschützte Basis ihrer Wertvorstellung ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Sieg über Deutschland, aus dem sich (Fußball-) Österreich noch dreißig Jahre später wie ein Verdurstender viel Lebensmut zuzelt. Zwar weisen immer wieder wahrheitsliebende Menschen darauf hin, dass dieser Erfolg keinen sportlichen Wert hatte, weil Österreich in der damaligen Zwischenrunde ohnehin schon vor Anpfiff der Partie ausgeschieden war – unter anderem wegen eines 1:5-Debakels gegen die Niederlande! Warum erinnern wir uns daran nicht?

Die meisten aber sehen durch die rot-weiß-rote Brille nur das ausgestreckte Haxl, das auch den großen Bruder zu Fall brachte, zu dem man immer mit Neid aufblicken muss. Dieses eine Spiel gegen ein Team „ohne WM-Format“ (O-Ton des damaligen DFB-Trainers Helmut Schön) genügt, um eine nationale Legende heraufzubeschwören. Schade eigentlich. In die umgekehrte Richtung sieht es aber nicht anders aus. Die Reaktionen zur WM-Quali-Auslosung und den Färingern waren so vorhersehbar wie das bleibende Hungergefühl nach einem McDonalds-Besuch. Aber scheinbar brauchen wir Córdoba wie wir Landskrona brauchen. Scheinbar müssen wir uns ständig des vermeintlich größten Sieges und der größten Niederlage vergewissern, um uns auch schön mittelmäßig fühlen zu können.