In der Diskussionsreihe Club 2×11 von Ballesterer, Wiener Bibliotheken und tipp3 traf man sich diesmal zum Thema „Fan(un)kultur“ – unter der Leitung von Elisabeth Auer diskutierten Marco Lorenzetti (Progetto Ultrá, Italien), Sabine Etl (Sozialarbeiterin), Domenico Jacono (Buchautor, Rapid-Fan) und Thomas Tesar (Filmemacher, Vienna-Fan). Etl forcierte aufgrund ihrer wissenschaftlichen Studien eine differenzierte Sichtweise und betrachtet die Ultrá-Bewegung mehr als breite Jugendsubkultur denn als Hooligans, wie fälschlicherweise oft dargestellt. Ultrá sei eine Organisation, die Fanidentität stifte, eine Protest- und Provokationskultur und eine Einstellung, bei der das Spiel nicht das Wichtigste darstellt. Ziel sei das „gemeinsame Engagement für die Gruppe“, politische Aspekte – wie die von ihr erhobene starke politische Präferenz für die FPÖ insbesondere unter den 10- bis 16-jährigen Rapid-Ultrás – solle man nicht vorverurteilen, sondern im richtigen Kontext betrachten. Ebenso interessant waren Tesars Einblicke in die spezielle Fankultur auf der Hohen Warte, der Heimstätte des First Vienna FC. Dort konnten in den 80er- und 90er-Jahren Leute aus subkulturellen Szenen „fanmäßies Ödland“ mit ihrer Kultur besetzen und sich dadurch von den Fankurven der Wiener Großvereine Austria und Rapid unterscheiden. Ein großes Thema in allen Fankurven sei die fortschreitende Kommerzialisierung, welche laut Jacono seit den 70er-Jahren zur Identifikationsstiftung der traditionalistischen Fans geführt hat. Laut Tesar würden sich die Vereine mit der Kommerzialisierung als kurzfristig angelegte Strategie jedoch nur selbst den Boden abgraben, schließlich werden die Zuschauer dadurch vom Sport und Verein entfremdet und wenden sich im Falle des Misserfolgs rasch von diesem ab, siehe Kärnten.

Hauptthema der Diskusion war das Thema „Gewalt“. In Bezug auf die medial vermittelten Gewalttendenzen in den Bundesligastadien müsse man laut Tesar, der „froh ist Fan eines Vereins in der 3. Liga zu sein“, auch „erkennen welches Interesse ein Medium verfolgt“. Am Fußballplatz zeige sich wie polarisiert eine Gesellschaft ist, wenngleich er dem österreichischen Fußballpublikum eher noch ein sozialpartnerschaftliches Verhalten attestierte. Zum Thema Gewalt am Fußballplatz meinte Etl wiederum, dass verbale Gewalt Teil des Fußballspiels sei, schließlich liege Gewalt in der Kultur des Spiels selbst. Circa 50% der Fans, so ihre Erhebungen, würden Bereitschaft zu Einmischung und Gewaltanwendung bei Konflikten zeigen, wenngleich dies nicht isoliert sondern immer im Kontext der Fußballkultur, insbesondere der omnipräsenten Faktoren Kameradschaft und Solidarität, gesehen werden muss.

Gewalt war in Italien seit Beginn der Ultrá-Bewegung vor rd. 40 Jahren immer ein Thema, so Experte Lorenzetti, laut dem Gewalt auch an soziale Probleme gekoppelt ist. Leider wird das Problem medial jedoch auf die Frage der Gewalt in den Stadien reduziert, anstatt die Frage nach den dahinter liegenden sozialen Motiven auch zu stellen. Organisiertes Fantum könne jedenfalls auch Gewalt verhindern. Tesar wiederum versuchte die medial unterrepräsentierte gesellschaftliche Gewalt gegenüber den Fans zu thematisieren, bei den Themen der Repressionen und Polizeiwillkür wurde die Stimmung im Publikum auch deutlich emotionaler. „Fehler passieren auch bei uns, das ist unbestritten“, so ein im Publikum anwesender Fanpolizeichef im Rückblick auf die überzogenen Vorkommnisse im Rahmen eines Wiener Derbys, welches innerhalb der Polizei für Konsequenzen sorgte. Eine Aufrüstung der Polizei als alleinige Lösungsmaßnahme führe zu einer Verschärfung des Problems, so Etl, stattdessen seien Fanprojekte mit sozialpädagogischer Begleitung weitaus wirksamere Ansätze. Diesem Schlussappell konnte sich das Podium anschließen, Tesar forderte noch Dialog zwischen Fans und Polizei und Jacono äußerte einmal mehr seine Präferenz für eine Strategie der Deeskalation.

Alles in allem ein abwechslungsreicher Diskussionsabend, mehr EM-Bezug wird es wieder beim nächsten Club 2×11 zum Thema „Sicherheit / Euro 2008“ am 13. März geben.

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Foto: LAN/kick08