Als vergangenen Samstag um 18 Uhr das Eröffnungsspiel zur Europameisterschaft in Basel angepfiffen wurde, fiel rd. 400 Kilometer östlich der Schlusspfiff in einer Partie der letzten Runde der vorletzten Spielklasse des Bundeslandes Salzburg. Soweit nichts Besonderes.

Nichts Besonderes, würde hier nicht ein ehemaliger Bundesligaverein gemeinsam mit zweitausendfünfhundert frenetischen Anhängern mit dem zweiten Aufstieg innerhalb von zwei Jahren einen weiteren Meilenstein im beachtenswerten Comeback von der letzten in die hoffentlich wieder erste Spielklasse feiern. Auch nichts Besonderes, würde dieser ehemalige Bundesligist, der SV Austria Salzburg, nicht einen dank 25 Siegen in 26 Spielen bei einer Tordifferenz von 94:10 Toren an Souveränität nur schwer zu überbietenden, bereits vor Wochen frühzeitig einzementierten Titel zelebrieren. Und nichts Besonderes, würde man nicht darüber hinaus noch auf alleine in diesem Jahr drei weitere errungene Titel im binnen kürzester Zeit mit bereits rd. 150 Jungkickern aufgebauten Nachwuchsbereich blicken.

Umso besonderer ist daher dieses violett-weiße Comeback der Salzburger Austria einzustufen, der es nach der Übernahme des Bundesligavereins durch ein Energydrinkunternehmen binnen kürzester Zeit gelang dank engagierter Fans, Fanclubs, Idealisten und Unterstützer den Verein wiederzubeleben und den mühevollen Weg vom Fußballkeller namens 2. Klasse hoffentlich zurück bis in die bereits in den 90er-Jahren erlebten Europacupsphären bislang äußerst erfolgreich zu beschreiten. Vom Zuschauerschnitt mit rd. 1.500 Besuchern pro Match, vom nationalen und internationalen Medienecho, von den regelmäßigen Groundhoppingbesuchen fußballverrückter Enthusiasten aus Deutschland, Italien und ganz Europa oder von der an die legendären Europacupschlachten im altehrwürdigen Lehener Stadion erinnernden Stimmung her wäre der Verein ohnedies bereits jetzt wieder profifußballwürdig.

Neben einer sportlichen, medialen und wirtschaftlichen Erfolgsbilanz steht die neue Salzburger Austria aber auch als Sinnbild für einen Fußball, der sich so ganz vom momentan insbesondere durch die Europameisterschaft vermittelten modernen Fußball unterscheidet. Damit ist weniger das selbstverständlich spielerisch und taktisch niedrigere Niveau ihrer Spielklasse, sondern vielmehr ein Verständnis eines Fußballvereins und Fußballspiels von Fans für Fans zu verstehen. Die zahlreichen Fanclubs und rd. 800 Vereinsmitglieder als Basis des Klubs, Fans unterschiedlichster Altersgruppen und Gesellschaftsschichten lautstark auf der Tribüne vereint, ehrenamtliche Anhänger im Vorstand und als treue Seelen des Vereins vom Platzwart über die Gastromitarbeiterin und den Webmaster bis hin zur Geschäftsstellenleiterin oder für die Fans aufopferungsvoll kämpfende und mit den Fans enthusiastisch feiernde Spieler stehen beispielhaft für diese gelebte Vision eines Fanvereins.

Doch nicht nur dieser gelebte Zusammenhalt in Zeiten der Entfremdung und Kommerzialisierung des internationalen Profifußballs, sondern insbesondere auch denkwürdige Momente wie ebendiese Meisterfeier vom vergangenen Wochenende bringen dem Verein den Respekt und die Sympathien der wachsenden Schar Jener, die von hoffnungslosen Kartenlotterien, überteuerten Fanzonen, polizeilichen Repressionen, glorifizierten VIP-Zonen, stimmungslosen Fanmeilen oder medial gepushten Kurzzeitstars mehr als genug haben. Jenen, die lieber eine farbenfrohe Bengale als einen blassen Animateur im Stadion, lieber ein Schnitzelsemmerl als ein Lachssorbet in der Kantine, lieber einen leidenschaftlichen Kicker als einen überbezahlten Egoisten am Rasen oder lieber ein meisterliches Bierzelt als ein steriles Public Viewing als Samstagabendprogramm haben.

Die kommenden drei Wochen gehören zweifelsohne der Europameisterschaft. Dennoch sollte man sich angesichts des beinahe intravenös medial überlieferten Reizes dieses globalen Massenspektakels immer die Frage im Hinterkopf behalten, wie man als Fußballer, Fußballfan oder Fußballinteressierter die zukünftige Entwicklung des Sports sehen und gegebenenfalls aktiv mitgestalten will. Beispiele wie jenes des neugegründeten SV Austria Salzburg beweisen uns dabei, dass – entgegen der im modernen Fußball vermittelten Ohnmacht der zu zahlenden Zuschauern verdammten Fans – jeder Einzelne im Mikrokosmos des Vereinslebens gemeinsam mit einer breiten Basis engagierter, konstruktiver Menschen seinen Visionen verwirklichen kann…

Fotos: Michael Plackner