Ein Tourbericht aus den Wiener Fanzonen.

Die erste Halbzeit des Auftaktspiels wurde thematisch passend am Swiss Beach in der Strandbar Hermann verbracht. Die vielen Schweizer störten uns nicht und auch mit der Exekutive, die etwas viel Präsenz für eine mittlere Ansammlung zeigte, hatten wir kein Problem. Selbst der im Publikum entdeckte Gottfried Küssel, der in den 1980er Jahren in der Wiener Hooliganszene aktiv war und später wegen NS-Wiederbetätigung zehn Jahre in Haft verbrachte, bewegte uns zu keinem Lokalwechsel. Das schaffte allerdings die Leinwand – besser: das größere Fernsehgerät – auf dem 2.000 Menschen die Spiele verfolgen sollen. Die UEFA-Bestimmung, wonach für Leinwände mit über drei Metern Diagonale Lizenzgebühren bezahlt werden müssen, will die Strandbar umgehen. Hinzu kommt ein gewölbter Plexiglasschutz, der aus nahezu allen Perspektiven blendet und gar arg auf den Matchgenuss drückt. Stiftung Fußballtest: Mangelhaft. Die zweite Halbzeit verfolgten wir ein paar Kilometer donaukanalaufwärts im Flex, wo noch wenig los war, aus Basel aber immerhin das erste EM-Tor übertragen wurde.

Zum Abendspiel der Türkei gegen Portugal folgte ein Besuch der offiziellen Fanzone am Ring. Überraschend wenige Türken waren anwesend und noch viel weniger Portugiesen. In Überzahl waren die kroatischen Fans, deren Mannschaft gar nicht spielte. Gemeinsam mit den Karierten besangen wir neben dem Spiel Ivo Vastic und das ersehnte Ausscheiden Deutschlands. Nach dem Schlusspfiff zogen die Türken enttäuscht ab, nur einer konnte seiner Enttäuschung nicht Herr werden und bespuckte die vom Spiel unabhängig grölende österreichisch-kroatische Fanmischung.

Der Auftakt Österreichs am Sonntag sollte am Ring unter möglichst vielen Gleichgesinnten begangen werden. Wieder aber war die kroatische Fraktion in der Überzahl, einige ihrer Akteure wüteten schon zuvor am Graben: „Nachdem Flaschen geflogen sind, habe ich das Geschäft zusperren müssen“, war die dort ansässige Trafikantin noch aufgebracht. In der Fanzone bewiesen die Kroaten schon in der vierten Minute mit gezündeten Bengalen die fehlende Arbeitsmoral der Eingangskontrollore; auch volle Schnapsflaschen wurden herumgereicht. Der frühe Rückstand machte einen Österreicher ganz wild. Der Volldepp aus einer etwas, äh, bildungsferneren Schicht provozierte die beim Burgtheater jubelnden Kroaten, gemeinsam schubsten sie sich etwas durch die Gegend. Die „Komm her, Alter!“-Geste hat er wahrscheinlich schon bei Parkplatzprügeleien vor Großdiscos einüben können:

Dann telefonierten die Karierten nach Verstärkung und fünf Minuten später hauten die großen Brüder der Kroaten den Rosaroten auf den Boden. Keine zwei Minuten darauf war die Polizei in Kriegsmontur im Anmarsch und führte die Hauptsünder ab. Die heiße Luft und um € 2,50 billigeres Bier lockte uns in der Halbzeit an einen Pizzastand im Jonasreindl. Weil wir die Dosen natürlich nicht in das UEFA-Sperrgebiet mitnehmen durften, sahen wir die zweite Halbzeit von außerhalb, mit eigenem Bier und mindestens gleich gutem Blick auf die Leinwand und das nun brave Offensivspiel der Österreicher. Ha! Damit hat Platini nicht gerechnet. Nach dem Spiel kamen wir an zwei netten Damen und einer EM-Filiale des Esoterikvereins Scientology vorbei. Hier versuchten sie mich zu bekehren, ich aber sagte: „Nein danke, Tom Cruise ist voll das Würstel.“

Der Regen während des Abendspieles ging im Flex spurlos an uns vorbei. Zum Glück, mehr Aufregung hätten wir kaum noch vertragen.

Fotos: Sebastian Schuster