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Gastkommentar von CD

In Österreich muss man sich den Friedhof als süß modernden Ort vorstellen. Für kaum eine Tätigkeit finden sich in unserem Dialekt mehr Worte als für die letzte: Die Patschen strecken, sich die Schleif’n geben, einen Wurf ansagen, den Holzpyjama anziehen, nachschauen gehen, ob der Deckel passt, etc. Ja man kann sagen, eine fast zärtliche Vertraulichkeit mit der eigenen Sterblichkeit ist es, die das österreichische Gemüt auszeichnet. Soweit eine Definition der österreichischen Seele, wie sie in der Literatur, im Wiener Lied oder im Theater an verschiedenen Stellen immer wieder auftaucht. Und auch am Fußballplatz lässt sich dieser morbide, in den Tod verliebte Grundton nicht leugnen, denn:

Wenn in Österreich, besonders in Wien, der Tod nicht das Unsagbare ist, sondern ein alter Bekannter, den man im Beisl stumm grüßt und mit dem man an manchem Abend bei ein paar Bier versumpft, so gilt selbiges für seinen kleinen Halbbruder, die Niederlage. Sie ist unser ständiger Begleiter, der Tag nach der Niederlage ist unser natürlicher Lebensraum.

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Es war der 26. März 2008, Österreich führte gegen die Niederlande nach wenigen Minuten sensationell mit 3:0 im eigenen Stadion, als der Mann hinter mir bemerkte: „Hoch verlier’ ma des nimmer.“ Er sprach aus, was sich 45 000 Menschen dachten. Und in der zweiten Hälfte sollte man sehen, dass zu diesen 45 000 auch die eigenen elf Spieler zählten. Am Nachhauseweg in der U-Bahn erklärte ein deutscher Nachbar seinem Freund, dass man die Grundhaltung der Fans ändern müsse, der Österreicher sei an Niederlagen gewöhnt, er fürchte sich eigentlich nur noch vor Debakeln, man müsste positiver an die Sache herangehen, mit breiter Brust und Selbstvertrauen müsste man an die eigene Mannschaft glauben. Fast wäre ich ihm ins Wort gefallen, dass seine Powerpoint-Weisheiten schön und gut, ja vielleicht sogar richtig seien, stattdessen aber sagte ich nur: „Noch nicht lange in Wien, oder?“

Na gut, das war der Dramaturgie der Erzählung wegen gelogen, in Wahrheit habe überhaupt nichts gesagt (wahrscheinlich wieder typisch österreichisch), aber der Unterschied zwischen mangelndem Selbstvertrauen der Fans und einer tiefen Sehnsucht nach der Poesie des Scheiterns sollte selbst außerhalb unserer Grenzen erkennbar sein. Es ist keine Frage der Unterstützung, es ist keine Frage des Selbstbewusstseins, es ist eine Frage der Mentalität: Wer von den Österreichern eine Euphorie wie während des Sommermärchens in Deutschland erwartet, der hat die Nuancen der österreichischen Seele gründlich missverstanden. Wer eine mangelnde Hochstimmung diagnostiziert, der hat einen zu engen Definitionsrahmen von nationaler Ekstase: Bei uns heißt es nun einmal nicht „Wir freuen uns“, bei uns heißt es „Wir freuen uns ja eh.“ Das kann man kritisieren und verurteilen, nur ändern kann man es nicht.

Was ich dem Deutschen gestern in der U-Bahn sagen hätte sollen: Der Österreicher unterstützt sein Team, ja vielleicht glaubt er in mancher Stunde sogar an seine Mannschaft, aber er tut dies auf seine eigene Art und Weise, und würde er es anders tun, wäre er kein österreichischer Fußballfan mehr. Sein Glaube an das eigene Team hat einen morbiden Unterton. Und das ist gut so. Nationale Differenzen wollen ja vor Nivellierung bewahrt werden, wie es im Europa der Regionen so schön heißt.

In diesem Sinne: Das 3:4 gegen die Niederlande kann meine Euphorie und meinen Glauben ans Team nicht bremsen. Wie auch, denn wenn sogar das Resultat schon vom 3/4 Takt spricht, wird die Euro ein einziger Walzer. Oder auch Blues.

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