Stadion

Abgesehen von der spielerischen Leistung der österreichischen Mannschaft in der ersten Spielhälfte konnte man dem gestrigen Testspiel zumindest als Stadionbesucher etwas Positives abringen: die Stimmung war einfach mitreißend. Fast 50 000 Zuschauer, trotz der vergangenen Länderspiele in der Ära Hickersberger lautstark begeistert (was zum Teil wohl auch am Gegner lag). Wie zu oft ein nicht sehr feiner Beginn: ein ordentliches Pfeif-Konzert bei der deutschen Hymne. Zu dieser Zeit warten noch hunderte Fans auf den Einlass ins Stadion, „die Hymne haben sie uns gestohlen!“, gröhlt ein junger Mann, der in der langen Schlange vor dem Sektor D eingequetscht ist. Von Beginn an zeigt sich das ÖFB-Team kämpferisch, auch die Fans sind hochmotiviert. „Die Welle“ versickert nicht nach fünf Metern, die Massen rufen „Sieg!“. Ein Klassiker den ganzen Abend hindurch: „Wer nicht hüpft, der ist ein Piefke“, zumindest in der ersten Spielhälfte überwiegen aber noch die Parolen für das eigene Team. „Immer wieder Österreich!“ Vergebene Chancen, Nervenprobe für das Publikum. „Des gibt’s net, des gibt’s net“, schreit ein Fan mit rot-weiß-rotem Kapperl und hüpft wie ein Gummiball. In der Pause lebt die Hoffnung noch, viele diskutieren aufgebracht die Leistung der Österreicher, sogar aufs Bierholen wird vergessen.

In der 53. Minute ist es dann so weit: Hitzlsperger trifft, 1:0 für Deutschland. Entsetzen in den österreichischen Reihen, die Parolen aus der unteren Schublade werden ausgepackt: „Schwuuuuler, schwuler DFB“ und andere, der Zensur zum Opfer gefallenen Sprüche, kommen zum Einsatz. Spielerwechsel beim deutschen Team, die Stimme des Stadionsprechers geht im Pfeifkonzert unter. Dann geht alles Schlag auf Schlag, zehn Minuten später: 2:0 für die Nachbarn. Die Fans werden leise, erstmals hört man den deutschen Sektor jubeln. „Scheiß egal, scheiß egal“, brüllt ein Junge im Sektor D. Bei einem Gerangel am Spielfeld stimmt der österreichische Fansektor schließlich einen „Piefke-Schweine“-Chor an, da bleibt zu hoffen, dass es bei der EM ein wenig freundlicher zugehen wird – zumindest bei den Spielen gegen Polen und Kroatien (deren Fans solche Sprüche gottseidank nicht verstehen würden…). In der 80. Minute wird es dann ganz still (0:3), die ersten Fans machen sich auf den Heimweg. Nur als Michael Ballack in der 87. Minute das Spielfeld verlässt, pfeifen sich die Österreicher/innen noch einmal die Seele aus dem Leib. Schlusspiff, nicht mehr ganz so begeisterter Applaus, die ÖFB-Elf hat wenig Lust auf Jubel. Vor dem Stadion schließlich überfüllt Straßenbahnen, verstopfte Straßen und gemischte Gefühle. Ein „Wir sind der moralische Sieger“ – Sprechchor wird angestimmt und verstummt bald wieder. „Sie können es ja doch“, meinen die einen, „die können ja keine Tore schießen, bei der EM verlieren wir sowieso“ die anderen.