Bei den Deutschen wissen wir, spätestens seit Karl Kraus (oder war es der „falsche Kraus„?), dass uns die gemeinsame Sprache trennt. Was wiederum, über zehn Ecken gedacht, verbindend ist. Mit den Ungarn teilen wir verklärte Bilder einer bayrischen Prinzessin. Sie sollte als Kaiserin Sisi in unser aller Gedächtnis verbleiben. Die Tschechen brauen tolles Bier, gehen den Österreichern aber mit einem grenznahen Kernreaktor auf die Nerven. Die Slowakei und Slowenien gelten zumindest noch als relativ günstige Ausflugs- und Einkaufsziele. Selbst das kleine Liechtenstein dürfte eine Assoziation, nämlich als Steuerparadies, in uns wecken. Ganz zu schweigen von Italien, wo man, als Kind, mit Gelatti, Mami und Papi die Strände des Lido unsicher machte. Aber was ist mit unserem Nachbarn und EM-Veranstaltungspartner, der Schweiz, diesem unbekannten Etwas im wirklichen Herzen der Alpen?

Man muss zugeben: Die Schweiz irritiert uns Österreicher. Schon alleine, weil es dort gleich vier Amtssprachen gibt. Gut, die gibt es auch in Österreich. Aber bei den Schweizern sind sie unumstritten … während man sich in Österreich um zweisprachige Ortstafeln balgt. Dazu kann man in der Schweiz jedes Kuhdorf mit der Bahn erreichen. Im Gegensatz zu Österreich ist sie dazu noch immer, wirklich immer, pünktlich. Ob es an der legendären Qualität der Schweizer Uhren liegt, oder ob die Österreichischen Bundesbahnen im Vergleich einfach gewaltig abstinken, mag hier wohl nicht geklärt werden. Eine Spur von Neid und Wehmut erwecken die pünktlichen Züge der Schweiz aber bei jedem österreichischen Pendler. Gleichsam wie das Schweizer Fußballnationalteam. Die „Nati“ macht es sich schließlich in der FIFA-Weltrangliste weit vor den rot-weiß-roten Kickern bequem.

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Wer ist er aber nun, jener ominöse „Schweizer“? Der uns so nah und doch so fern ist? In Ermangelung an echte Erfahrungswerte müssen wir uns wohl an Stereotypen bedienen. Der „echte Schweizer“ sitzt demnach, gleich eines irischen Koboldes am Ende des Regenbogens, auf einer Kiste voll Gold. Auch dies könnte Neid im Österreicher erzeugen. Der „echte Österreicher“ sitzt nämlich gerne auf seinem faulen Hintern, aber niemals auf auf dem wertvollen Metall. Wir rächen uns jedoch, indem wir den Schweizern einfach pauschal jeglichen Humor absprechen. Zum Lachen gehen die Schweizer nämlich in den Keller, so meinen wir zumindest. Und dass „der Schweizer“ nicht nur ordentlich, sondern auch sauber ist, veranlasste sogar den besten Satiriker von allen, Ephraim Kishon, zu mehreren Geschichten über die Eidgenossen und schließlich und endlich dazu, in der schönen Schweiz zu sterben. Weiters sind die Schweizer „Volksabstimmungskaiser“. Wir Österreicher sind nur „Kaiser“, wenn es darum geht, schwermütig über die Politik zu nörgeln oder zufällig Robert Palfrader heißen. Dass man in der Schweiz alles, und sei es auch noch so ein großer Unfug, durch direkte Demokratie beschließen kann, wird uns Österreichern wohl ewig ein Rätsel bleiben.

Wie man aus den Beispielen gut sehen kann, gibt es außer Klischees und Stereotypen nicht viel, was uns zur Schweiz einfällt. Selbst jetzt, wenige Monate vor der EM, erscheinen die neutralen Schweizer uns semi-neutralen Österreichern nicht wirklich greifbar. Kommunikation findet wohl in den Arbeitsgruppen statt, nicht aber im Gros der Bevölkerung. Es scheint, als ob zwei Nachbarn auf ihren Berggipfeln hocken, in Sichtweite zum jeweils anderen. Dennoch scheint der einzige Kontakt ein schüchternes Winken zu sein. Aber vielleicht wird sich daran, mit der Eröffnung der EURO, etwas ändern. Wer weiß, vielleicht werden wir, wir Österreicher und Schweizer, uns am Ende der Europameisterschaft sogar richtig gut leiden können.

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