I had a dream…

29. Juni 2008 | LAN | 7 Kommentare »

Am 14. März erhielt ich eine E-Mail betreffend der erfolgreichen Ticketzuteilung für das Finale mit Beteiligung der österreichischen Nationalmannschaft, mehr als drei Monate lang hielt sich fortan in mir der bedingungslose Glaube an das schier Unmögliche, ehe diesem am 16. Juni von Michael Ballack per Freistoß ein frühzeitiges, bitteres Ende bereitet wurde. Jenem Michael Ballack, der zur Strafe dafür beim heutigen EM-Finale möglicherweise aufgrund von Muskelproblemen fehlen wird. Eine gerechte Strafe, wie ich meine, schließlich schmerzt es noch heute, folgenden entscheidenden Absatz auf dem Optionsticket zu lesen:

„Dieser Gutschein ist nur gültig bei österreichischer Beteiligung. Die Österreichische Nationalmannschaft bestreitet das Finale in Wien wenn das Halbfinale gewonnen wird.“

Es wäre so schön gewesen…

Die Diktatur der Angepassten

28. Juni 2008 | LAN | 9 Kommentare »

Wir schreiben den Juni des Jahres 2008 als sich inmitten der demokratischen und neutralen Staaten Österreich und Schweiz ein quasi diktatorischer Staat namens UEFA EURO 2008 eingenistet hat und unter Ausnutzung seiner bedingungslosen Allmacht seine Vorstellungen des globalisierten, kapitalistischen Fußballs in die weite Welt tragen will. Eine Vorstellung, die auf mehren Säulen aufgebaut ist und mit Fortschreiten des Turniers die Kohärenz der einzelnen strategischen Elemente immer präsenter werden ließ:

Corporate Design & Sicherheitslüge

Vom Logo bis zum sinnleeren Slogan entspricht alles einer faden Weiterentwicklung des Corporate Designs der WM 2006  – kindisch, verspielt, unkreativ. Als Höhepunkt sind die identitätslosen Maskottchen nicht umsonst als Doppelgänger selbst Sinnbild für ein Corporate Design der Europameisterschaft, welches als einfallslose Kopie des Corporate Designs der letzten Weltmeisterschaft gesehen werden kann. Einhergehend damit sind acht Stadien, denen man nicht zuletzt aufgrund der architektonischen Konformität moderner Fußballarenen und der Aus- und Rückbaufarce die Zweckgebundenheit ansieht und denen auch bei drei Europameisterschaftsspielen keine künstliche Seele eingehaucht werden kann.

Dank eines millionenschweren Sicherheitskonzeptes wurden darüber hinaus Ausschreitungen verhindert, die es auch ohne diesem Aufwand nicht gegeben hätte, da zum einen das gewaltbereite Fußballpublikum wenig Interesse für eine Veranstaltung wie die Europameisterschaft hegt und zum anderen vereinzelte Überreaktionen einfacher behandelt werden hätten können. Stattdessen setzte man auf Repression, Hooligandatenbank und Anlassgesetzgebung, auf übermäßige Security- und Polizeipräsenz sowie auf ein Hochstilisieren des vermeintlichen Gefahrenpotenzials vor EM-Beginn sowie kleinerer Zwischenfälle während der EM, um sich eine mediale Rechtfertigung für diesen ungeheuren Geld- und Personeneinsatz zu erschleichen. All dies steht gemeinsam mit den weiter unten angeführten Kritikpunkten der totalen Kommerzialisierung sinnbildhaft für eine Politik des rücksichtslosen Neoliberalismus, dem auch bei der Europameisterschaft beispielsweise durch die hohen Ticketpreise Einlass gewährt wurde und der die voranschreitende soziale Segregation in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Was bleibt ist ein Charme der Gesamtaufmachung des Großereignisses, welcher den Charme des Altherrenvereins UEFA widerspiegelt und dessen mainstreamkonformer Rettungsversuch mittels unpassendem Rahmenprogramm mit peinlichen Zuschauercontests, schlechten Moderatoren, fußballfremder Musik und Nationalhymnenkaraokeschrift in den Stadien kläglich scheiterte.

Gleichschaltung der Medien

Es war das Highlight der Peinlichkeiten dieser EM als im ersten Halbfinale der Bildschirm plötzlich schwarz wurde und hunderte Millionen Fernsehzuschauer weltweit Zeuge der unsinnigen Medienpolitik der UEFA wurden. Diese kontrolliert nämlich allein die Übermittlung der Fernsehbilder aus allen Spielorten an ihre Broadcasting Tochtergesellschaft in Wien, von welcher aus das Fernsehsignal erst in die weite Welt weitergeleitet wird. Dies garantiert, dass die Fernsehbilder zum einen aufgrund immer gleicher Kameraeinstellungen den geringen Anforderungen des oftmals ahnungslosen europameisterschaftlichen TV-Konsumenten entsprechen und zum anderen ein Bild einer vermeintlich heilen Fußballwelt ohne stimmungsvollen Bengalen, kuriosen Flitzern und kritischen Transparenten, dafür mit umso mehr popularitätsgeilen Politikern, desinteressierten VIPs, schönheitsidealentsprechenden Spielerfrauen und freizügigen Fanschönheiten in Großaufnahme übermitteln.

Während die westliche Welt im Falle zensierter Bilder aus China empört aufschreit, nimmt man das Fernsehbildermonopol des Fußballverbandes mit einem gerne bezahlten Millionenaufwand dankend an und frönt sich der medialen Einheitsberieselung. Weitere ein dubioses Licht auf die Behandlung der Meinungsfreiheit werfende Statements und Handlungen der UEFA, wie beispielsweise die vom Österreichischen Journalistenclub beklagten Zutrittsschikanen samt Unterscheidung nach „guten“ und „schlechten“ Medien im offiziellen Wiener Pressezentrum, unterstreichen die mediale Arroganz des Veranstalters, der sich die Fernsehanstalten, Gastgeberländer und nicht zuletzt die Fußballfans und Konsumenten leider beinahe kritiklos unterworfen haben.

Totale Kommerzialisierung

Vom Stadion bis zur Fanzone: wo die UEFA regiert, wird von ihr alles diktiert, um die EM zu einem Wirtschaftsereignis zu machen, von dem insbesondere auch die UEFA und ihre Exklusivpartner profitieren sollen, schließlich wurde dem Fan gerade in den Fanzonen extra ein unattraktives Einheitsangebot zu horrenden Preisen bei fehlenden Sitzgelegenheiten und überrepressiven Sicherheitskontrollen geschaffen – dieser Eindruck verstärkte sich in den abgelaufenen Wochen immer mehr und zur Freude des Veranstalters frönten sich zahlreiche gleichgeschaltete Fans mit offiziellem Trikot, bemaltem Gesicht und in Szene gesetzten Sponsorenhüten dieser bedingungslosen Kommerzialisierung, die im braven, vorgegebenen Mitgrölen des „Seven Nation Army“ Einlaufsongs ihren Höhepunkt fand während den Massen jegliche Kreativität und jeglicher Sinn für einen zur jeweiligen Spielsituation passenden Support zu fehlen schien.

Darüber hinaus schien die Aushebelung der Marktkräfte kein großes Problem für Politiker und Konsumenten darzustellen, hauptsache man setzte sich zuerst als Steuerzahler und nun auch als Fan gekonnt als Melkkuh der Nation in Szene und erwies damit dem exklusiven Club der zahlungspotenten EM-Sponsoren einen Bärendienst. Wer damit nicht genug hatte, wurde bei sämtlichen Unternehmern des Landes fündig, die am Märchen des schier unendlichen EM-Kuchens mitzunaschen versuchten und das Land mit unnötigen fußballgebrandeten Artikeln vom Fußballbrot bis zum EM-Kondom überschwemmten.

Fazit

Mehrere Wochen lang hat sich ohne organisierter Kritik der Politiker und Bürger mitten im Herzen des aufgeklärten, demokratischen Europas ein quasi diktatorischer Staat gebildet, der seine fußballerische Marktmacht unter anderem in gleichgeschalteten zensierten Medien, ausgehebeltem wirtschaftlichem Wettbewerb oder einer überemotionalisierten irrationalen Sicherheitsdebatte manifestierte. Im Gegenteil, der brave, unkritische Fußballkonsument lechzte förmlich nach einem in totaler Kommerzialisierung getränkten Großereignis und sorgte insbesondere mit dem anfänglichen Hype für voraussichtlich volle Kassen der gemeinnützigen, steuerbefreiten UEFA.

Erst nach einigen Spieltagen offenbarte sich das Ausmaß dieser sportpolitischen, medialen und wirtschaftlichen Gleichschaltung, weshalb nicht umsonst gegen Ende der Europameisterschaft hin immer mehr Leute genug von einem künstlichen, sterilen Spektakel hatten, welches es dank eines Mosaiks aus unterschiedlichsten negativen Begleiterscheinungen schaffte, im Laufe des Turniers vielmehreine kollektive Aversion zu erzeugen anstatt gerade am Schluss einen positiven Spin für den heimischen Fußball zu generieren.

Sexismus 08

27. Juni 2008 | the | 4 Kommentare »

„In Österreichs Betten spielt sich während der EM nichts ab – das kann sich aber rasch ändern, wenn Männer die süße EM-Unterwäsche bei Frauen entdecken!“, ist auf der Website des TV-Senders Puls4 zu lesen. Deshalb verkauft New Yorker auch T-Shirts mit der Aufschrift „Halbzeit-Schnittchen“ und Palmers druckt „Torhüterin“ auf seine Höschen:
Wer Euro sagt, muss auch Sex(ismus) sagen.

Wenn es darum geht, Klischees zu bemühen, ist die Werbeindustrie immer einen Schritt voraus – besonders beim Thema Fußball. In den bunten Spots von Hagebau, 3, Ottakringer und Co lernen wir: Männer schauen Fußball, trinken Bier, grillen Fleisch oder sitzen auf der Couch. Frauen hingegen geistert während eines für sie unerträglichen Fußball-Bewerbs nur ein Gedanke durch den Kopf: Wie kann ich für das männliche (!) Geschlecht genauso attraktiv wie ein Tor von Xavi Hernandez sein? Mit dieser Frage beschäftigt sich unter anderem BIPA im aktuellen TV-Spot, eine weitere Werbe-Aktion hat die Drogeriekette bereits zurückgezogen: das EM-Anti-Missverständnis-Set. Mit dem Karten-Set sollte Männern vom Unternehmen „mit sehr feinfühligem Frauenbild“ mehr Sensibilität beigebracht werden. „Sex!“ wurde etwa durch „Du hast mich 90 Minuten mit deinem tollen Look abgelenkt. Jetzt würde ich mich freuen, wenn wir das Fußballspiel als Vorspiel sehen würden und direkt zur Sache kommen könnten“ ersetzt. Auch die Ottakringer-Brauerei hat bereits vor der EM einen Werbespot zurückgezogen, in dem Männer von einem „Nachspiel“ für ihre Frauen, die das falsche Bier gekauft hatten, sprachen. „Der Spotinhalt sollte niemals auch nur annähernd zur Gewaltanwendung anregen“, begründete das Unternehmen.

Abseits der Werbung hat man den weiblichen Fußball-Fan jedoch schon seit längerem entdeckt. Zumindest im Stadion und in den offiziellen Fanzonen müssen Frauen keine Angst haben, beim Eingang sogleich mit einem Glas Prosecco vor eine Leinwand geschoben zu werden, auf der Sex and the City in Endlosschleife gezeigt wird – wie das in einigen ländlichen Regionen und Einkaufsmeilen durchaus der Fall ist. Ganz im Gegenteil – man könnte sogar den Eindruck gewinnen, dass Fanmeilen ausschließlich von Frauen bevölkert werden. Junge, bunt bemalte Fans in knapper Bekleidung, die leidenschaftlich ihre Nationalmannschaft anfeuern, sind auf jedem Titelblatt, in jeder TV-Analyse zu sehen. Die Männerrunde im ORF-Studio gibt regelmäßig Hinweise darauf, wo denn heute die Schwedinnen feiern, die Tageszeitungen stehen im ständigen Wettbewerb auf der Suche nach dem schönsten EM-Dekolleté. „Weibliche Fans sorgen für Aufsehen: So schön war der EM-Auftakt“, schreibt und bebildert etwa die Rheinische Post. Die Verknüpfung von Nationalität und dem weiblichen Geschlecht ist dabei keine Erfindung des Fußballs. Nationalistische Diskurse wurden immer wieder über den weiblichen Körper ausgetragen, so wird etwa aktuell in westlichen Gesellschaften die Vielschichtigkeit des Migrations-Diskurses in Form der Kopftuch tragenden Frau manifest gemacht.

Fußball, das ist „männliches Heldentum und weibliches Accessoiretum“, schreibt Johann Skocek im Standard. Eine besondere Gruppe des Accessoirtum hat bereits eine eigene Gattungsbezeichnung erhalten: die Spielerfrauen. Ein Beruf, der (in seiner medialen Dimension) höchstwahrscheinlich von Victoria Beckham erfunden wurde. Insbesondere die Bildzeitung hält ihre LeserInnen ständig auf dem laufenden, wie die „schöne Sylvie“ im Stadion feiert, was „sexy Nereida“ drunter trägt, wie die „leidenschaftliche Claudia“ ihrem Phillip den Rücken stärkt und wie es die „wunderschöne Maria Beatriz“ verkraftet, dass ihr Liebster sich mit „Transvestiten“ vergnügt. Wie Klaus Stimeder in seinem Videotagebuch erzählt, veröffentlichte die italienische Tageszeitung La Repubblica  kürzlich eine Umfrage, die den größten Lebenstraum von weiblichen Teenagern im Land ermittelte: einen Fußballer heiraten und mit ihm Kinder zeugen. Vermutlich einer der schnellsten Wege ins Rampenlicht und an die Quelle des Reichtums – Ronaldinho verdiente im Jahr 2006 etwa 23,5 Millionen Euro. Bayern-München-Stürmerin Nina Aigner steht hingegen für ein medial weniger attraktives Lebensmodell: Sie arbeitet  nebenbei in der Marketingabteilung von Puma, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. „Man blickt mit Wehmut zu den Männern rüber, wenn man sieht wie es verhältnismäßig mit dem Geld aussieht“, sagte sie in einem Interview gegenüber diestandard.at.

Foto: CC SpreePix Berlin

Spaniens Toreros spielen sich furios ins Finale

26. Juni 2008 | LAN | 8 Kommentare »

Alonso und Senna sind bereits Formel1-Weltmeister, nach dem heutigen Halbfinale können ihre Namensvettern im Team der spanischen Seleccion im Fußball gleichziehen, da die Iberer im regenüberströmten Wiener Praterstadion dem 4:1-Erfolg im Gruppenspiel gegen die Russen mit einem 3:0 im Halbfinale einen weiteren souveränen Sieg hinzufügten. Doch am besten alles der Reihe nach…

Spanien kontrollierte das Spiel von Beginn an und kam durch einen Drehschuss von Torres (6.) und einen Weitschuss von Villa (10.) rasch gefährlich vors Tor der Russen, die dank guter Reflexe ihres Schlussmanns Akinfeev im Spiel blieben. Unbekümmert spielte der spanische Express weiter nach vorne und kam durch einen Weitschuss des agilen Ramos (24.) sowie einen nicht geglückten Schuss von Iniesta (26.) zu weiteren guten Chancen, ehe die Russen langsam ins Spiel fanden und ein Schuss von Pavlyuchenko nur hauchdünn das Tor der Spanier verfehlte. Iker Casillas wäre jedoch mit einer Glanzparade zur Stelle gewesen. Auch in Folge standen die Stürmer im Mittelpunkt: Villa verletzte sich bei einem Freistoß und wurde durch Fabregas ersetzt (30.), Pavlyuchenko scheiterte per Fuß (34.) und Kopf (35.) und Torres fand mit seinem Schuss wieder einmal in Akinfeev seinen Lehrmeister (38.), weshalb ein sehr dynamisches Spiel mit minimalen Vorteilen der Spanier torlos in die Pause ging.

Am Anfang der zweiten Spielhälfte verirrten sich wieder einmal völlig deplatzierte „Immer wieder Österreich“ Sprechchöre im weiten Happel-Oval, ehe Xavi wenige Minuten nach Wiederanpfiff nach scharfer Hereingabe eiskalt zum 1:0 der Spanier verwertete (49.). Was folgte war ein Verflachen der russischen Offensive, die immer wieder frühzeitig in Fehlpässen ein Ende fand, samt spanischem Offensivlauf, der in weiteren ausgezeichneten Chancen durch Fabregas (60., Tormann+Verteidiger klären), Torres (61., rechts daneben), Torres (62., links daneben), Fabregas (69., abgewehrter Weitschuss) und Alonso (70., abgewehrter Weitschuss) mündete. Russland war blass, Arshavin war blasser und der eingewechselte Güiza sorgte mit dem 2:0 nach traumhaftem Aushebeln der russischen Abseitsfalle für die Vorentscheidung (72.). Zehn Minuten später traf Silva nach einem Konter zum 3:0 (82.), ehe sich zu guter Letzt noch einmal Iker Casillas, der sich als spanischer Elferkiller und Ruhepol zum heißesten Anwärter auf den Titel des Tormanns des Turniers entwickelt, bei einem Kopfball aus kurzer Distanz (87.) auszeichnen konnte. Damit war das Spiel gelaufen, Spanien stoppte eindrucksvoll den Erfolgslauf des Überraschungsteams von Guus Hiddink und darf damit am Sonntag als letztes Team dieser EM versuchen, die an dieser Stelle proklamierten voreuropameisterschaftlichen Prognosen von mat und LAN zu widerlegen…

Fotos: LAN/kick08.net

Schweini, Klose, Lahm eiskalt – Deutschland im Finale

26. Juni 2008 | cdw | 38 Kommentare »

Gewitter über Mitteleuropa legten die Fernsehübertragung lahm, nicht aber die Deutschen. Mit einer großen Ton-Bild-Verzögerung traf Miroslav Klose in der 79. Spielminute nach einem Patzer von Rüstü zum zwischenzeitlichen 2:1 für Deutschland.  Zuvor und in der ersten Hälfte hatten die Türken das Spiel gemacht, die deutsche Abwehr agierte weitgehend überfordert und wurde bereits in Minute 22 bitter bestraft: Ugur Boral ließ Lehmann denkbar schlecht aussehen und stolperte den Ball zum 1:0 ins Tor. Praktisch im Gegenzug hatten die Deutschen Erfolg und lieferten einen Vorgeschmack, wie effizient sie im Laufe der Partie noch agieren sollten: Podolski brachte Schweinsteiger ideal ins Spiel, der spitzelte den Ball zum Ausgleich ins Tor (26.).

Nach der etwas glücklichen Führung der Deutschen gut zehn Minuten vor Schluss reagierten die Türken vorerst gelähmt, fanden dann aber zurück ins Spiel. Die Last-Minute-Knipser dieser Euro wurden ihrem Namen vollends gerecht: Semi Sentürk (86.) brachte die Türkei zurück ins Spiel. Wiederum sah die Deutsche Abwehr denkbar schlecht aus, darunter auch Philipp Lahm, den ein Türke vor dem Ausgleichstreffer schwindlig gespielt hatten. Dieser Philipp Lahm aber, der in der 51. von Sabri elfmeterreif aber unbestraft gefoult worden war, nahm sich darauf ein Herz und erzielte eines der schönsten Tore dieser Euro: Der Außenverteidiger ging in der 90. Spielminute nach vorne mit, spielte ab, ging in den Raum, wurde angespielt und vollstreckte von links kommend unhaltbar ins kurze Eck. Genial! Drei Minuten später war Deutschland im Finale. Ich wage zu behaupten, dass wir gestern bereits den Europameister gesehen haben! Die Türken sind draußen, ihr Glück hat ein verdientes Ende genommen.

Basel wird Cordoba wird Wien

25. Juni 2008 | LAN | 11 Kommentare »

Wenn heute um 20:45 Uhr in Basel das erste Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei angepfiffen wird, können die Türken – und mit ihnen zahlreiche Österreicher, die ihren türkischen Mitbürgern, Arbeitskollegen und Freunden einen Sieg gegen den eigenen Erzrivalen Deutschland sowie eine damit verbundene kleine indirekte Rache für die knappe Niederlage Österreichs im dritten Gruppenspiel gönnen, ihr fußballerisches Heldenepos fortsetzen und damit gleich der im Titel manifestierten dreifaltigen Städtetransformation ins sonntägliche Finale in Wien einziehen. In ein Finale, welches übrigens auf den Tag genau sechs Jahre nach dem bisher größten türkischen Fußballerfolg, dem Sieg im Spiel um Platz 3 bei der Weltmeisterschaft 2002, stattfindet. Wenn das mal kein gutes Omen ist…

In diesem Sinne: Österreich für Türkiye – Türkiye für Österreich!

Foto: LAN/kick08.net

Pro & Contra: Zweieinhalb Jahre Hickersberger

25. Juni 2008 | kick08 | 9 Kommentare »

PRO: Der Godfather der österreichischen Lösung (cdw)

Für ein Land von Masochisten, Fatalisten, Denunzianten und anderen Kleingeistern ist Pepi Hickersberger genau die richtige Wahl: Er bietet viele Angriffsflächen (etwa das 0:1 gegen die Faröer), genießt dabei aber dennoch Autorität („der Herr Teamchef“), er hatte Erfolge (in Saudi-Arabien, bei Rapid) und er hatte Misserfolge (mit dem Nationalteam nur 5 Siege in 27 Länderspielen seit Anfang 2006). Josef Hickersberger ist ein echter Österreicher: Er reagiert verschnupft auf Kritik („Wennt’s ihr mi ned wollt’s, dann geh ich halt“), er zeigt kleinkarierte Unterwürfigkeit (vor besseren Mannschaften), er hält an Altbekanntem, aber Überholtem fest (Andi Ivanschitz,  Martin Hiden, etc.) und er ist bei allen seinen Macken nicht unsympathisch. Die psychische Konstitution des Teamchefs spiegelt die psychische Konstitution einer ganzen Nation wider, was ihn grundsätzlich unentbehrlich macht. Die sportliche Bilanz ist dabei nur sekundär: Hickersberger hat aus uns EM-Teilnehmer gemacht, auch wenn wir uns gar nicht qualifizieren mussten. Er hat uns durch eine Endrunde geführt, in der wir zwar unterlegen, aber nicht hilflos waren. Wir sind mit wehenden Autofahnen untergegangen. Das Abschneiden der Nationelf war die österreichische Lösung schlechthin. Hickersberger hat diese Lösung erst möglich gemacht. Er ist der Godfather der österreichischen Lösung. Auf ihn können wir auch in Zukunft nicht verzichten.

CONTRA: Selbstbetrug der Öffentlichkeit (mat)

Erinnert sich jemand an die „Hicke raus“-Rufe am Ende des Vorjahres? Noch nach dem Unentschieden gegen Tunesien am 21. November forderte das Publikum lautstark eine Ablöse des Teamchefs. Das tat es, weil es das Beste für die österreichische Nationalmannschaft wollte. Dann wurde der Öffentlichkeit bewusst, dass Stabilität vor dem Heimturnier wohl das Beste wäre und sie fand sich mit Hicke ab. Wie pünktlich dieser Adventfrieden einsetzte, beweist der letzte Eintrag dieses Blogs. Kurioserweise vergewisserte sich die Öffentlichkeit durch zwei Niederlagen in den ersten beiden Spielen des Jahres, dass es die richtige Entscheidung war, auf Hickersberger zu vertrauen. Bei der EM schoss Österreich ein Tor durch einen diskutierbaren Elfmeter, holte einen Punkt und war nie in der Nähe des angestrebten Zieles Viertelfinale. Äußerst seltsam deshalb, dass sich vor und noch nach seinem Abgang viele Nationalspieler, Experten und große Teile der Öffentlichkeit für einen Verbleib aussprechen. Wie hat Hickersberger das geschafft? Die häufigst gebrauchten Argumente: Er hat eine Einheit geformt und die Spieler können nun über volle 90 Minuten gehen. Nach meinem Verständnis ist das eine unerlässliche Mindestbedingung, über die man sich nicht auch noch freuen sollte. Dass dem Nationalteam zum jetzigen Zeitpunkt Spieler aus der deutschen, englischen und italienischen Liga zur Verfügung stehen, ist kein Verdienst des Gegangenen. Eher sollte man ihm vorwerfen, dass er diese Spieler, die jeder Nationaltrainer einberufen könnte, nach Duckmäusertum ausgewählt hat. Hickersberger lieferte die schlechteste Teamchefbilanz seit dem Zweiten Weltkrieg ab und das hatte viel mit seiner Personalpolitik zu tun. Etwa mit Hiden und Patocka im EM-Kader bei gleichzeitigem Verzicht auf Scharner und einen Brecher im Sturm.

Adieu, Herr Hicke-Hacke!

24. Juni 2008 | cdw | 14 Kommentare »

Das Verwirrspiel hat ein Ende: Sagte ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger nach dem 0:1 im letzten Gruppenspiel gegen die Deutschen noch, er wolle weitermachen, zog er gestern, Montag, einen Schlussstrich unter seine Tätigkeit als Trainer der österreichischen Nationalelf. „Ich höre auf, das Kapitel ist abgeschlossen“, sagte der 1948 geborene Niederösterreicher dem „Standard“; wenige Stunden später wurde der Rücktritt des Teamchefs offiziell. Damals, nach der Niederlage gegen die Deutschen habe er sich von seinen Spielern zum Weitermachen überreden lassen: „Ich habe auf Emotionen gehört und bin dann mit einer Willenserklärung in die Öffentlichkeit gegangen. In Wahrheit hätte ich mir eine Bedenkzeit nehmen sollen.“

Diese Bedenkzeit muss er sich dann dennoch genommen haben, denn einen Tag vor der ÖFB-Präsidiumssitzung, heute, Dienstag, war für Hickersberger klar: „Ich bin leer und müde, ich brauche eine Auszeit, muss die Batterien aufladen. Das Kapitel ist abgeschlossen, die Mission erfüllt.“ – Eine höchs zweifelhafte Mission, die Hickersberger da erfüllt hat, denn seine Bilanz fällt alles andere als erfolgreich aus: In 27 Länderspielen (davon 21 auf heimischen Boden) gab es nur fünf Siege (darunter gegen Liechtenstein und Malta), 13 Niederlagen und neun Remis, bei der EM schoss man lediglich ein umstrittenes Elfmetertor, machte nur einen Punkt und schied in der Vorrunde aus. Auf ö3 räumte Hickersberger, seit 1. Jänner 2006 ÖFB-Temachef, dann am Sonntag auch ein: „Ich wäre erleichtert, sollte der ÖFB sagen, jemand anderer soll den Job machen. ich habe mein Bestes gegeben. Es war nicht genug, okay. Wenn ein anderer Teamchef werden soll, dann bin ich der glücklichste Mensch.“

Nach seinem Rücktritt will Hickersberger dennoch Trainer bleiben. „Ich kann mir vorstellen, wieder jeden Tag auf dem Platz zu stehen. Irgendwo“, sagte der dem „Standard“. Im ÖFB laufen bereits die Diskussionen über einen Nachfolger: „Wir möchten in drei, vier Wochen einen neuen Trainer präsentieren“, sagt Präsident Friedrich Stickler. Granden wie Herbert Pohaska und Hans Krankl winkten ab, Toni Polster hat noch keinen Trainerschein, Andi Herzog gilt als potentieller Kandidat – hat aber relativ wenig Erfahrung. Vielleicht führt dieses Mal ja kein Weg an einem Ausländer vorbei, auch wenn österreichische Namen wie Jara, Schöttel, Pacult, Schachner, Ruttensteiner, Schinkels durch die Medien geistern…

Klar ist jedenfalls, das Hickersberger ein Erbe hinterlässt, um das sich niemand wirklich reißen wird. Gewiss, die Mannschaft ist unter seiner Führung bis zur EM gereift, hat sich dort ansprechend aber dennoch unbefriedigend verkauft. In der Defensive ist die ÖFB-Elf für die WM-Qualifaktion gerüstet, in Mittelfeld und Sturm sieht es aber schlecht bis katastrophal aus. Es fehlt ein Regisseur, es fehlen vor allem Stürmer. Ist man optimistisch, glaubt man daran, dass Harnik, Hoffer & Co noch reifen, hofft man darauf, dass Ivanschitz zu alter Stärke zurückfindet. Ist man pessimistisch, sieht man die ÖFB-Elf bereits am Zenit angelangt, nämlich bei einem Punkt bei einer Endrunde. Wie es mit der Nationalmannschaft weitergehen wird, ist ungewiss – es fährt ein Zug nach nirgendwo – und Herr Hicke-Hacke ist ausgestiegen… Adieu!

Schweinigeil, das Bruderduell und der Pott

23. Juni 2008 | cdw | 11 Kommentare »

Schweinsteiger, Klose, Ballack – diese drei Herren schossen Deutschland gegen Portugal ins Halbfinale – und nicht zuletzt diese drei Herren sollen am Mittwoch auch gegen die Türkei den Sieg bringen. Die „Bild-Zeitung“ titelte am Freitag jedenfalls „Schweinigeil“ und forderte gleich den Pott. Der liegt für Deutschland zum Greifen nahe, die Stimmung ist gut – auch im Leipziger Plattenbau (siehe Foto). Als Schweini das 1:0 gegen die Portugiesen erzielte, wartete ich am Dresdener Postplatz gerade auf die Tramway. Aus den vielen Lokalen dröhnte der Jubel, die ganze Stadt war auf den Beinen, an der Elbe gab es Public Viewing, in der schicken Neustadt feierte man den Sieg unter freiem Himmel. Dass es jetzt gegen die Türken geht, ist den Deutschen aber nicht wirklich recht. Zuviel Glück hätten sie gehabt, vor allem im Spiel gegen Kroatien, meinten Jugendliche in der Straßenbahn. Die Stimmung Mittwochabend in Basel wird jedenfalls weniger geladen sein als in Kreuzberg, Wedding oder Neukölln. Und auch in der Dresdner Alaungasse wird der Türke ums Eck mit den Deutschland-Fahnen, die den Eingang zu seinem Lokal zieren, irgendwie unglaubwürdig. Ob er sie vor dem Bruderduell austauschen wird?

SPIELFREI – Strategien gegen die Verzweiflung

23. Juni 2008 | LAN | 6 Kommentare »

„Spielfrei“ – nachdem die meisten von uns dieses Wort bereits aus ihrem Vokabular gestrichen haben, gilt es angesichts dieses heute eingetretenen Horrorszenarios Antworten auf die allgemeine Ratlosigkeit, was man mit dem heutigen Abend anfangen soll, zu finden. Zwei Wochen lang mussten wir den ganzen Tag keinen Gedanken über das Abendprogramm verschwenden, zwei Wochen lang gab der Fußball das Abendprogramm vor: zuerst mit langen Doppelpacks um 18:00 und 20:45 Uhr, danach mit intensiven Doppelkonferenzen und zuletzt mit spannenden Viertelfinalduellen inklusive ein frühzeitiges Schlafengehen verhinderndem Nachschlag namens Verlängerung und Elfmeterschießen. Doch was nun?

Am glücklichsten kann sich wohl der schätzen, der präventiv in den vergangenen Tagen bereits die interessantesten Spiele mittels Videorekorder aufgenommen hat und sich diese nun wiederum zu Gemüte führen kann. Angesichts der aktuellen Kurzlebigkeit der Gedanken im Zuge des kontinuierlichen Reizes durch neue Spielpaarungen sowie zusätzlich bedingt durch übermäßigen Alkoholkonsum gehen wir jedoch davon aus, dass nur die wenigsten zuletzt so langfristige Gedankengänge für den heutigen Status quo anstellen konnten. Für alle anderen, die in den vergangenen zwei Wochen bereits mit ihrem Fernsehsessel eins geworden sind, ist die naheliegendste Alternative im gewissenhafteren Durchstöbern des heutigen Fernsehprogramms zu finden, woraus sich bei genauem Blick einige interessante Abendstrategien ergeben: Wer wahrlich genug von der EM hat, dürfte auf SAT1 beim gleichnamigen Film namens „Genug“ fündig werden während dem Titel des Spielfilms auf RTL, „Männer sind die beste Medizin“, nach den beiden letzten Wochen wohl keine Frau mehr Glauben schenken dürfte. Im Gegensatz zu diesem seichten bundesdeutschen Filmprogramm ist die österreichische Fernsehhausmannskost heute sehr empfehlenswert: Auf ORF2 darf man dank der Millionenshow zur Abwechslung wieder einmal die abseits der Torerregung liegenden Gehirnregionen anstrengen, auf ATV kann man sich bei Sascha Walleczek wichtige Anregungen holen, wie man die bier- und käsekrainerbedingten Kilos wieder herunterbekommen könnte. Und wer ohne Peter Stöger nicht mehr einschlafen kann, sollte zur Not auf YouTube fündig werden

Alle, die vorausschauend den Fernseher ohnedies bereits im Schlafzimmer platziert haben, können darüber hinaus unseren deutschen Nachbarn beweisen, dass man hierzulande keinen sportlichen Erfolg braucht, um 9 Monate nach der Heim-EM die Geburtenbilanz aufzupeppen. Hingegen bietet sich für die etwas Motivierteren auch ein Abstecher außerhalb der eigenen vier Wände bzw. Fanzonen an, worüber sich insbesondere die mit Besucherrückgängen von bis zu 50% kämpfenden Kinos und Museen freuen würden. Ansonsten können wir abschließend noch empfehlen, einen 48-Stunden-Dauerschlaf bis Mittwoch einzulegen und möglichst keinen Gedanken an die uns spätestens in einer Woche drohende Frage „Gibt es ein Leben nach der EM?“ zu verschwenden…