PRO: Der Godfather der österreichischen Lösung (cdw)

Für ein Land von Masochisten, Fatalisten, Denunzianten und anderen Kleingeistern ist Pepi Hickersberger genau die richtige Wahl: Er bietet viele Angriffsflächen (etwa das 0:1 gegen die Faröer), genießt dabei aber dennoch Autorität („der Herr Teamchef“), er hatte Erfolge (in Saudi-Arabien, bei Rapid) und er hatte Misserfolge (mit dem Nationalteam nur 5 Siege in 27 Länderspielen seit Anfang 2006). Josef Hickersberger ist ein echter Österreicher: Er reagiert verschnupft auf Kritik („Wennt’s ihr mi ned wollt’s, dann geh ich halt“), er zeigt kleinkarierte Unterwürfigkeit (vor besseren Mannschaften), er hält an Altbekanntem, aber Überholtem fest (Andi Ivanschitz,  Martin Hiden, etc.) und er ist bei allen seinen Macken nicht unsympathisch. Die psychische Konstitution des Teamchefs spiegelt die psychische Konstitution einer ganzen Nation wider, was ihn grundsätzlich unentbehrlich macht. Die sportliche Bilanz ist dabei nur sekundär: Hickersberger hat aus uns EM-Teilnehmer gemacht, auch wenn wir uns gar nicht qualifizieren mussten. Er hat uns durch eine Endrunde geführt, in der wir zwar unterlegen, aber nicht hilflos waren. Wir sind mit wehenden Autofahnen untergegangen. Das Abschneiden der Nationelf war die österreichische Lösung schlechthin. Hickersberger hat diese Lösung erst möglich gemacht. Er ist der Godfather der österreichischen Lösung. Auf ihn können wir auch in Zukunft nicht verzichten.

CONTRA: Selbstbetrug der Öffentlichkeit (mat)

Erinnert sich jemand an die „Hicke raus“-Rufe am Ende des Vorjahres? Noch nach dem Unentschieden gegen Tunesien am 21. November forderte das Publikum lautstark eine Ablöse des Teamchefs. Das tat es, weil es das Beste für die österreichische Nationalmannschaft wollte. Dann wurde der Öffentlichkeit bewusst, dass Stabilität vor dem Heimturnier wohl das Beste wäre und sie fand sich mit Hicke ab. Wie pünktlich dieser Adventfrieden einsetzte, beweist der letzte Eintrag dieses Blogs. Kurioserweise vergewisserte sich die Öffentlichkeit durch zwei Niederlagen in den ersten beiden Spielen des Jahres, dass es die richtige Entscheidung war, auf Hickersberger zu vertrauen. Bei der EM schoss Österreich ein Tor durch einen diskutierbaren Elfmeter, holte einen Punkt und war nie in der Nähe des angestrebten Zieles Viertelfinale. Äußerst seltsam deshalb, dass sich vor und noch nach seinem Abgang viele Nationalspieler, Experten und große Teile der Öffentlichkeit für einen Verbleib aussprechen. Wie hat Hickersberger das geschafft? Die häufigst gebrauchten Argumente: Er hat eine Einheit geformt und die Spieler können nun über volle 90 Minuten gehen. Nach meinem Verständnis ist das eine unerlässliche Mindestbedingung, über die man sich nicht auch noch freuen sollte. Dass dem Nationalteam zum jetzigen Zeitpunkt Spieler aus der deutschen, englischen und italienischen Liga zur Verfügung stehen, ist kein Verdienst des Gegangenen. Eher sollte man ihm vorwerfen, dass er diese Spieler, die jeder Nationaltrainer einberufen könnte, nach Duckmäusertum ausgewählt hat. Hickersberger lieferte die schlechteste Teamchefbilanz seit dem Zweiten Weltkrieg ab und das hatte viel mit seiner Personalpolitik zu tun. Etwa mit Hiden und Patocka im EM-Kader bei gleichzeitigem Verzicht auf Scharner und einen Brecher im Sturm.