1. Akt: Europhobie

Dreieinhalb Stunden vor Spielbeginn beim Stadion angekommen fällt es nicht schwer zu erkennen, dass es sich hierbei um kein normales Länderspiel, sondern um ein Europameisterschaftsspiel im von der UEFA okkupierten und (optisch positiv, ansonsten jedoch durchwegs negativ) adaptierten Happel-Oval handelt. Bereits rund ums Stadion wird dem konsumierenden Fan einiges geboten: Fahnen werden in die Hände der Zuschauer gedrückt, KIA präsentiert seine Autos, Carlsberg verschenkt rot-weiß-rote Kopfbedeckungen, Mastercard macht Fotomontagen mit den Fans, Promotiondamen locken den Zuschauer in eine Fanbox, und so weiter und so fort. Nicht minder störend ein Blick ins Innere des Wettkampforts: eine lautstarke Lautsprecheranlage mit Tinnitus-Garantie, ein biederes Musikprogramm von Ö3-DJ Alex List, ein mageres Kantinensortiment mit Bier plus Leberkässemmerl um wohlfeile 110 Schilling, ein lächerliches Vorprogramm samt ständiger nervender musikalischer Übertönung der Fanchöre, und so weiter und so fort.

2. Akt: Begeisterung

All diese weniger erfreulichen Begleitumstände eines solchen Großereignisses verflogen in der ersten halben Stunde, in welcher das österreichische Nationalteam mit einem Angriffsfurioso die polnische Hintermannschaft zerlegte, jedoch ein ums andere Mal am eigenen Torabschlussunermögen scheiterte. Die anfängliche Stimmung im Stadion übertraf sämtliche Erwartungen und toppte meine bisherigen Erfahrungswerte früherer Freundschafts- und Qualifikationsspiele. Mannschaft und Fans wurden eins, die Emotionen am Spielfeld und auf den Rängen verschmolzen zu einem kollektiven Wellental der Gefühle und die Sehnsucht der Anhänger nach einem ersten europameisterschaftlichen Erfolgserlebnis in Rot-Weiß-Rot sorgte mit jedem Angriff für neue Höhen im nationalen Fußballdelirium.

3. Akt: Resignation

Doch es kam, wie es kommen musste, zumindest wenn man dem abgedroschenen Sprichwort der Tore, die man nicht schießt und schlussendlich erhält, Glauben schenkt. 0:1 aus der ersten polnischen Torchance, aus einer Abseitsposition, kurzum aus dem Nichts direkt in das Herz der österreichischen Anhängerschaft. Anstatt in dieser schwierigen Situation die eigene Mannschaft gleich wieder verbal in das Spiel zurückzupeitschen, blieben die Ränge jedoch stumm. Zu unerfahren schien ein wesentlicher Teil des Publikums mit der Materie eines unglücklichen Fußballspielverlaufs, im Umgang mit kurzfristigen sportlichen Rückschlägen, im Wissen um die Notwendigkeit der Fans für die labile Psyche unseres Nationalteams. Gefeiert wurde zwar weiterhin im Stadion, auch der Lautstärkepegel zeigte keine sonderliche Veränderung, waren doch rd. die Hälfte (!) der Zuschauer dem polnischen Lager zuzuordnen. Eine bemühte, aber über weite Strecken schwache zweite Halbzeit ohne reeller Aussicht auf einen (herausgespielten) Torerfolg steigerte diese Diskrepanz zwischen österreichischer Resignation und polnischer Freude auf den Rängen, zu viele erfolgshungrige österreichische Spielbesucher schienen den Glauben an ihre Mannschaft ebenso wie ihre Bereitschaft für das Team lautstark das Letzte zu geben bereits verloren zu haben.

4. Akt: Europhorie

Bis zum Auftritt von Ivica Vastic. Seine Einwechslung weckte die in Zeiten eines vom Kollektiv lebenden erfolgreichen modernen Fußballs immer noch sentimental an die antiquierte Vision spielentscheidender Superstars klammernde Zuschauerschar auf, selbst seine miserabel getretenen Eckbälle sorgten für ein Aufbäumen auf den Rängen ehe schlussendlich ausgerechnet Jungstar Sebastian Prödl mit seiner beherzten Offensivaktion den Weg zur medialen Mythenbildung des Altstars ebnete. Ein Mythos, der nach dem Torerfolg sogleich im Stadion von den Fans lautstark geschrieben, um das Stadion sowie in den öffentlichen Verkehrsmitteln mittels der gesamten Palette an Österreich- bzw. Vastic-Sprechchören fortgesetzt und später in der Wiener Innenstadt stilvoll auf Denkmälern grölend vollendet wurde. Sechs EURO-Tage und einen Torerfolg hat es gedauert, bis Österreich ganz im Gegensatz zu seinem Co-Gastgeber überraschenderweise tatsächlich im Stadium der Europhorie angekommen ist, getrieben von einer kollektiven Mythenbildung bestehend aus einer Person (Vastic) und einem Ort (Cordoba), die beide eigentlich nicht mehr zeitgemäß aber dennoch präsenter denn je sind…