Der Donnerstag zwischen Fanzone und Stadion, zwischen deutschem Dämpfer und kroatischem Viertelfinalaufstieg, zwischen Himmel, Hölle und Wiedergeburt Österreichs gegen Polen.

Kroatien – Deutschland 2:1

Die Kroaten zeigten sich nach gegenseitigem Abtasten zu Beginn deutlich stärker als noch am Sonntag. In der 24. Minute vernachlässigte die deutsche Hintermannschaft Darijo Srna nach einer Pranjic-Flanke sträflich, der bedankte sich mit dem 1:0. Die Deutschen verzichteten anders als gegen Polen auf Kreativität nach vorne, vor der Pause vergaben aber auch die Kroaten weitere aussichtsreiche Chancen. Nach dem Wechsel wurde der Löw-Elf offensichtlich bewusst, dass auch ein dreifacher Europameister nicht vor Vorrundenniederlagen gefeit ist. Sie tat mehr fürs Spiel und kassierte prompt in der Drangphase das 2:0 durch HSV-Legionär Ivica Olic. Lehmann sah bei dessen Abstauber nicht glücklich aus, der vorangegangene Schuss von Rakitic wurde abgefälscht und traf Aluminium. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ließen die kroatischen Fans an der Wiener Ringstraße – wieder klar in der Überzahl – keinen Zweifel am Sieg ihrer Mannschaft. Der Ehrentreffer durch Podolski, der damit in der Torschützenliste zum Spanier David Villa aufschlißet, kam nachträglich gesehen zu spät, obwohl die insgesamt enttäuschenden Deutschen noch etliche Ausgleichschancen auf den Füßen hatten. Kroatien ist somit nach Portugal der zweite Viertelfinalteilnehmer.

Österreich – Polen 1:1

Das Ernst-Happel-Stadion war eine halbe Stunde vor Spielbeginn schon fast vollständig gefüllt, die vielen polnischen Fans ließen immer wieder ein eindrucksvolles „Polska – Biało-czerwoni“ durch das Oval hallen. Fünf Minuten nach Anpfiff schwiegen sie bereits. Die österreichische Elf – zum Kroatien-Match um Standfest, Gercaliu und Säumel erleichtert bzw. um Garics, Korkmaz und Leitgeb verstärkt – geigte auf, wie sie es noch selten zuvor getan hatte, die Nervosität war wie weggeblasen. Harnik mehrfach, Leitgeb und Garics scheiterten mit Großchancen am polnischen Goalie Boruc. Fast immer war der überragende Korkmaz beteiligt, den die Polen über links nicht in den Griff bekamen. Nach zehn Minuten dachten wir: Mit etwas Glück steht es 1:0 – hoffentlich bekommen wir die Tore nicht, die wir vorne vergeben. Nach zwanzig Minuten dachten wir: Mit etwas Glück steht es 2:0 – hoffentlich bekommen wir die Tore nicht, die wir vorne vergeben. Nach dreißig Minuten dachten wir: Mit etwas Glück steht es 3:0 – unversehens war das Gegentor da. Die Polen, die noch kurz davor die Kugel unter gellenden Pfiffen in der eigenen Abwehr herumzögerten, kamen durch ihre erste eigentliche Chance zur unverdienten Führung. Guerrero drückte einen Stanglpass von Saganowski aus Abseitsposition über die Linie, Macho griff daneben. Das Entsetzen legte sich blitzartig über das Spielgeschehen: Wo die österreichische Offensive Minuten zuvor noch butterweich durch die polnische Abwehr kombinierte, schien mit einem Schlag kein Durchkommen mehr. Fast als wären plötzlich drei Polen mehr am Feld. Als die Teams nach der Pause zurückkehrten, bot sich ein kaum anderes Bild. Zuordnungsprobleme in der Verteidigung, Fehlpässe im Zentrum und eine hektische Grundstimmung dominierten das österreichische Spiel. Das bestärkte natürlich die Polen, nur durch eine doppelte Großtat konnte Macho einen höheren Rückstand verhindern. Hickersberger reagierte, brachte Vastic und Kienast für Ivanschitz und Linz, die pünktlich zur EM in eine mittlere und eine gröbere Formkrise schlitterten. Prödl kassierte bald seine zweite Gelbe Karte, ist gegen Deutschland gesperrt. Warum der Teamchef nun bei einem 0:1-Rückstand Säumel für Aufhauser brachte, ist bis jetzt Thema von Mutmaßungen. Der polnische Strafraum blieb weiterhin Tabuzone für den österreichischen Angriff und die gegnerischen Fans radebrechten bereits: „Auw Wiedersehen, auw Wiedersehen, Austria, Austria, auw Wiedersehen.“ Bis zur 93. Minute, als Österreich ein letztes Mal alles nach vorne warf und Lewandowski Prödl im Sechzehner leidenschaftlich am Textil zerrte. Der Unparteiische pfiff Strafstoß und Opa Vastic zeigte unter „Ivo! Ivo!“-Rufen keine Nerven. 63 Minuten lang hatte ich überlegt, welche Worte die wohl richtigen wären, um das Ausscheiden des Teams zu verkünden. Das blieb mir erspart. Dieses Spiel hatte alles, was eine große Erzählung ausmacht: Himmel und Hölle und Versöhnung zum Ende. Die Chance auf das Viertelfinale lebt.

PS: Noch nie hätte ich meinen Turniersiegertipp lieber fallen sehen – schießt die Deutschen nach Hause!