goliath.jpgDie Österreicher leiden an einer seltsamen Krankheit – geprägt von Geltungsdrang und Überschätzung ihrer eigenen Wichtigkeit im Weltgefüge. Die Rede ist vom „goliathismus austriacus“. Der Wunsch, mehr und bedeutender zu sein, als man es jemals sein könnte. Dies zieht sich durch alle Bereiche des Lebens. Aber der Blick auf die Realität sorgt für Katerstimmung.

In der PISA-Studie haben wir es uns längst im Durchschnitt bequem gemacht und schielen neidisch auf die schlauen Finnen. In der internationalen Musiklandschaft ist das Land, welches immerhin die Heimat von Mozart und Falco war, nicht mehr existent. Zumindest wenn man sich die Peinlichkeit eines Verweises auf Christina Stürmer ersparen will. Die Außenpolitik ist unaufregend, vergessen die Zeiten, in denen wichtige Konferenzen in Wien stattfanden. Und schließlich ist selbst das Wiener Kanalnetz, einstige Location in Carol Reed´s „Der dritte Mann“, nichts anderes mehr, als ein langweiliger Transportweg für Fäkalien und Unrat aller Art. Aber zumindest der Sport war für nationale Heldenepen gut. In Österreichs Nibelungensaga erschießt Hans Krankl den deutschen Drachen und badet daraufhin, zwar nicht im Blut des selben, dafür aber in der Woge kollektiver Verzücktheit. Fußballerische Unsterblichkeit inklusive. Der österreichische Beowulf erinnert an Hermann Maier, der Grendel, oder besser gesagt die Streif, auf Skiern bezwingt. Aber auch das ist bereits Geschichte.

In der FIFA-Weltrangliste befindet man sich, Monate vor der Heim-EURO, im Niemandsland. Es fehlen Stars von einst und auch das Kollektiv von heute lässt keine Begeisterungsstürme zu. Man bäckt kleinere Brötchen und wird aus dem fünften Topf für die WM-Qualifikation gezogen. In guter Gesellschaft zu Weltklassenationalteams wie Aserbaidschan oder Georgien. Doch die Auslosung ergab zumindest ein wahres Gigantenduell. Österreich wird wieder auf den „Erzfeind“ von den Färöer-Inseln treffen. Eben jene autonome Inselgruppe, mit knapp 50.000 Einwohnern, die für Österreichs größte Schlappe in der Länderspielgeschichte sorgte. Es war ein denkwürdiger Tag im Jahre 1990 als die Färöer, in ihrem ersten Pflichtspiel, die Favoriten aus Österreich mit 1:0 besiegten. Wellen der Euphorie auf der Inselgruppe, allgemeine Depression in Österreich war die Folge. Und damals wie heute hieß der Teamchef Josef Hickersberger – auch wenn er, nach eigenen Angaben, wohl nach der Europameisterschaft zurücktreten wird.

Während Österreich für den Rest der Welt das ist, was es eben ist – ein kleines mitteleuropäisches Land, stellt es zumindest für die Färinger einen Goliath dar. „Dávid her feldi Goliat„, oder zu deutsch „David stürzte Goliath“, so ein Auszug aus „Reytt og blátt og hvítt„, ein Lied, welches im Gefolge des historischen Sieges der Färinger verfasst wurde. Man könnte es den Färingern übel nehmen, ein solches Lied als Schmähung auffassen. Aber man kann sich, vor dem Hintergrund des „goliathismus austriacus“, auch darüber freuen. Denn immerhin besagt dies eines: Zumindest für die Färöer-Inseln sind wir noch immer jene Goliaths, die wir so gerne sein würden. Es bleibt nur die Frage offen, ob der Alpen-Donau-Goliath ein zweites Mal vom Insel-David besiegt werden kann. Goliath für einen Tag – bei der WM-Qualifikation wird dieser österreichische Traum, gleich zweimal, Wirklichkeit.

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