Nach dem unterhaltsamen ersten Teil der Literatur-EM gestern Abend im Wiener Rabenhof-Theater, stellte heute Kurt Palm sein Buch über das legendäre 7:5 Österreichs gegen die Schweiz im WM-Viertelfinale 1954, kurz die „Hitzeschlacht von Lausanne“, vor und diskutierte unter Leitung von Wolfgang Kralicek mit dem ehemaligen Kurier-Sportchef Josef Huber, FM4-Moderator Martin Blumenau und Happel-Enkel Philipp Happel. Der Abend begann mit einer kurzen Einleitung Palms, in welcher dieser insbesondere die Rechercheprobleme sowie die Besonderheiten dieses „wirklich verrückten Spiels“ erläuterte, welche auch aus einem eingespielten Videobeitrag der Wochenschau hervorgingen: Zum einen erlitten bei 40 Grad im Schatten sowohl der Österreichische Tormann als auch der Schweizer Kapitän einen Sonnenstich (Ersterer wurde in der Halbzeitpause darüber hinaus ohnmächtig), es gab jedoch noch keine regeltechnische Möglichkeit Spieler auszuwechseln, weshalb diese zum Durchspielen gezwungen waren; zum anderen ging die Schweiz schnell mit 3:0 in Führung, Österreich konnte innerhalb von 9 (!) Minuten auf 5:3 stellen und gewann schlussendlich mit 7:5 das torreichste WM-Spiel aller Zeiten.

Huber: „Das war eine Heldentat des österreichischen Fußballs.“

Den sehr unterhaltsamen Schilderungen Palms folgten teils ebenfalls interessante, teils aber auch zu sehr in Detail sich verirrende Anekdoten Hubers, der darüber hinaus mit seinem klar ersichtlichen Gefallen an der nach heutigem Ermessen inakzeptablen, chauvinistischen Berichterstattung jener Zeit sowie einer diffusen politischen Randbemerkung sowohl im Publikum als auch bei Martin Blumenau („den falschen Pathos der 50er zum Glück überwunden“) am Podium Missfallen auslöste. Anlass für diese Meinungsverschiedenheit war ein Auszug aus einem in Richtung der brasilianischen Nationalmannschaft mit plakativen, rassistisch angehauchten Phrasen angehäuften Spielbericht der Arbeiterzeitung, welchen Palm als Beispiel für die „literarischen Meisterwerke“ der Sportberichterstattung dieser Zeit bringen wollte, welcher jedoch der Diskussion einen schalen Beigeschmack verlieh, zumal der Moderator nicht kraft seiner Moderatorenfunktion fähig war, diese Inhalten klar in das heutzutage angemessene Licht zu rücken.

Palm: „Zürich ist zwar doppelt so groß wie der Zentralfriedhof aber nur halb so lustig.“

Stattdessen wurde die nun etwas stockende Diskussion wieder in andere, unterhaltsamere Gefilde gelenkt, beispielsweise in die Thematik des fehlenden Bewusstseins in Österreich für den Schweizer Fußball, welche Palm mit oben genanntem Zitat über die vermeintliche Langeweile der Schweiz garnierte. Martin Blumenau durfte abschließend noch kompakt seine Cordoba-Thesen sowie seine neugewonnene Freude an Teamchef Hickersberger anbringen, ehe die Runde mit den von maximal einem Punkt bis hin zu Viertelfinale+mehr reichenden Chanceneinschätzungen des österreichischen Teams bei der Europameisterschaft den Abend beendete. Einen Abend, der leider nicht so kurzweilig wie der Vorabend war und damit dem insbesondere aufgrund der sicherlich interessanten Anekdoten zum Fußball aus einer anderen Epoche gelungene Buch Palms nicht ganz gerecht wurde.

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Foto: LAN / kick08.net