eigentlich wollten andreas lindinger und ich einen großen nullerjahre-rückblick auf radio b138 machen, zu dem es aus sendungs- und termintechnischen leider nicht gekommen ist. das sollte einerseits traurig stimmen, andererseits hat uns das auch manche mühe erspart. und außerdem gilt vielleicht auch bald für die nullerjahre: es wurde alles zu ihnen gesagt, nur eben nicht von allen…

nichtsdestotrotz haben andreas und ich gestern am telefon angedacht, wenigstens einen schriftlichen rückblick zum abgelaufenen jahrzehnt zu verfassen. ich mache das auf diesem blog und ich werde die sache für meine begriffe unkonventionell angehen, weil alles, was ich bisher über diese nullerjahre gelesen habe, überwiegend schmonzes war.

das ist jetzt vielleicht etwas böse, aber diese ganze texte über die nullerjahre haben mich gelangweilt, weil eigentlich nicht wirklich tangiert. das ist auch nicht weiter verwunderlich, schließlich kann kein verschriftlichter rückblick einem ganzen jahrzehnt gerecht werden, schon gar nicht den jeweiligen individuellen erlebnissen in diesen jahren. und das soll ein journalistischer rückblick auf das jahrzehnt auch gar nicht. er ruft ja eigentlich nur ereignisse in erinnerung, die in einem kollektiven gedächtnis gespeichert sind. sofern er einen journalistischen ansatz hat, weil sonst sind wir schnell beim tagebuchschreiben angelangt.

ein wirklich guter rückblick auf das vergangene jahrzehnt wäre meiner ansicht nach einer, der es schafft, persönliche erlebnisse mit ereignissen, die eingang in ein kollektives gedächtnis gefunden haben, zu verknüpfen. und damit meine ich nicht (nur), darüber zu auskunft zu geben, wo man gerade war, als am 11. september 2001 die flugzeuge im world trade center einschlugen bzw. was man gerade tat, als man erstmals von den anschlägen erfuhr. ich für meinen teil war übrigens gerade auf der suche nach einer neuen zahnbürste in einer bipa-filiale und hörte die meldung im rewe-radio-max. das wäre ich damit losgeworden.

für meine generation (jahrgang 1982) sind die nullerjahre untrennbar mit dem erwachsenwerden verknüpft. schon allein unter diesem aspekt ist die bedeutung dieses jahrzehnts für mich (bzw. für meine generation) nicht zu unterschätzen. und genau deswegen fällt es mir auch sehr schwer, hier (bloß) die gemeinhin als wichtig geltenden ereignisse herunterzuklopfen. es mag pathetisch klingen, aber ich bin überzeugt: dieses jahrzehnt hat uns geprägt. es wird uns auch das nächste jahrzehnt prägen, aber vielleicht nicht mehr in diesem maße, da braucht man nur davon ausgehen, dass man in jungen jahren noch eher formbar ist.

ich für meinen teil habe im jahr 2000 maturiert und wurde aus einem vollkommen weltfremden stiftsgymnasium ins leben entlassen. die zeit des stiftsgymnasiums hat mich wahrscheinlich auch sehr stark geprägt, aber das ist nicht gegenstand dieses rückblicks und das darf vielleicht einmal ein psychotherapeut mit mir aufarbeiten. kurz nach der matura glaubt man jedenfalls, fast alles zu wissen und schon kurze zeit später merkt man (und das ist bisweilen schmerzhaft), dass man eigentlich fast nichts weiß. vor allem über das leben. man weiß eigentlich nicht einmal, wie ein leben funktionieren soll, das nicht mehr aus in-die-schule-gehen besteht. also geht man auf die uni oder auf die fachhochschule, das ist die logische fortsetzung des bildungsweges. und schließlich muss man sich ja fast weiterbilden, gerade weil man, schlauer maturant, der man ist, erkannt hat, dass man eben fast nichts weiß.

dem bildungssystem seien ein paar zeilen in diesem rückblick auf die nullerjahre gewidmet. oder sollte man es besser aus-bildungssystem nennen? fachhochschulen waren damals (anfang der 2000er, heute?) hoch im kurs, jedenfalls in meiner community. uns war schon in der schule eingeimpft worden: “leicht wird es nicht für euch am arbeitsmarkt. lernt etwas gescheites, etwas, das gebraucht wird. in der wirtschaft ist praxis gefragt. studiert schnell, das studentenleben von damals gibt es heute eh nicht mehr.”

ganz unrecht haben die in der schule nicht gehabt, mit der wende vom februar 2000 (schüssel-haider - “die schande europas” (”profil”)) begann nicht nur das neue jahrtausend in österreich, sondern es begann auch das zeitalter der studiengebühren. wobei man die studiengebühren nicht überwerten sollte. sie haben den wenigsten wirklich den zugang zum studium verwehrt, so ehrlich muss man sein. die studiengebühren der frau gehrer waren eigentlich nur zeichen dafür, dass jetzt ein anderer wind weht in diesem österreich. auch hier sollte man nicht übertreiben, all das hatte sich schon in den 1990ern abgezeichnet. mich als jungen menschen haben die studiengebühren damals irgendwie eingeschüchtert. sie sind gleichsam auf fruchtbaren boden gefallen, ich bin auf eine fachhochschule gegangen, habe dementsprechend schnell meinen abschluss gemacht. ob das wirklich die beste entscheidung war, sich so hetzen zu lassen?

wenn eltern und ältere bekannte von ihrem studientagen erzählen, dann wird oft relativ dick aufgetragen. von wilden parties und vielen, vielen semestern. vom süßen nichtstun und vom einfach-dahin-leben wird erzählt. man muss nicht alles glauben, aber es wird schon etwas dran sein. wirklich zeit für bildung in einem umfassenden sinn hat unsere generation wahrscheinlich nicht (gehabt). sie wurde ausgebildet, sie hat zum größten teil perfekt funktioniert, aber sie fragt sich zurecht: kann das alles gewesen sein? die jüngeren haben dazugelernt und tun jetzt ihren unmut kund. man nennt das neuerdings audimaxismus. und auch wenn dieser audimaxismus auf wenig verständnis bei der mehrheitsbevölkerung stößt, er ist ein erster schritt in die richtige richtung. in richtung bildung, die auf den menschen eingeht und nicht allein auf die erfordernisse der privatwirtschaft abgestimmt ist.

die privatwirtschaft. da fallen mir ad hoc zwei personen ein, die symbolisch für die privatwirtschaft der nullerjahre stehen und gleichzeitig ihr versagen beweisen: karl-heinz grasser und julius meinl v. nach 2000 ist es bergauf gegangen mit der weltwirtschaft. an den börsen stiegen die kurse in lichte höhen und ich kann mich noch gut erinnern an die werbung von meinl european land (mel), wo 13 oder mehr prozent rendite im jahr versprochen wurden. garantiert quasi. und ich kann mich auch erinnern, wie unser finanzminister khg gefeiert wurde von der mehrheitsbevölkerung, angebetet fast, als heiliger mi(ni)ster nulldefizit. mit grasser, meinten viele, wage es endlich einer, den staatshaushalt nach privatwirtschaftlichen maßstäben zu führen. gottseidank war khg nicht allzu lange im amt. nicht auszudenken, welchen schaden er anrichten hätte können, noch viel größeren als seine nachfolger willi molterer und josef pröll.

wo wir bei der övp angelangt wären. diese partei war mir in keinem der vergangenen zehn jahre auch nur irgendwie sympathisch. das begann mit schüssel und seinen handlangern, die dieses grausliche “wir-müssen-den-gürtel-enger-schnallen”-klima salonfähig machten und endet vorläufig mit dem bladen pröll, der im endeffekt nur der verlängerte arm der raiffeisen-generaldirektoren in der regierung ist. vor den schwarzen hatte und habe ich bisweilen mehr angst als vor den rechten. das ist zwar nicht ganz einfach zu verstehen, aber ich glaube, es liegt daran, dass die schwarzen einen unglaublichen perfektionismus an den tag legen, wenn es darum geht, ihre interessen durchzusetzen. und diese interessen sind die interessen der reichen und der wirtschaftstreibenden, teilweise auch die interessen der katholischen kirche. die övp ist keine partei des volkes, sie ist eine partei der reichen und herrschenden, die es versteht, der masse angst zu machen. das funktioniert vor allem über das thema sicherheit - egal ob es nun um arbeitsplatzsicherheit geht, um die sicherheit des wohlstands oder um den schutz von eigentum. die övp ist die angst-partei. und in einer zeit der krise, wo die angst immer größer wird, lassen sich mit der angst gute geschäfte machen. das bestätigen nicht zuletzt die jüngsten wahlergebnisse.

die anderen parteien haben diesem jahrzehnt nicht in dieser form ihrem stempel aufgedrückt wie die övp. die spö-kanzler gusenbauer und nun faymann sind beide farblos geblieben, was bei der gegenwärtigen identitätskrise der sozialdemokratie nicht wirklich verwundern darf. oder, man sieht es radikaler und macht faymann und gusenbauer für ebendiese identitätskrise der österreichischen sozialdemokratie (mit)verantwortlich. fest steht aber dennoch, dass (sich) gusenbauer wohl unter seinem wert geschlagen wurde/hat, bei faymann hingegen weiß man nicht wirklich, woran man ist. bei den grünen darf man darauf hoffen, dass sie das drängende umweltproblem im kommenden jahrzehnt für sich zu nutzen wissen. bislang ist das nicht wirklich gelungen. und die rechten? ihnen ist leider viel zuzutrauen, auch wenn die blau-oragnen nullerjahre geprägt waren von knittelfeld, einer herunterfallenden kärntner sonne, dem desaster um die hypo group alpe adria, einem nazi als dritten nationalratspräsidenten und nicht zuletzt von den wehrsportübungen des heinz-christian strache.

soviel zur innenpolitik. die weltpolitik der nullerjahre war naturgemäß geprägt von den us-präsidenten, allen voran von george w. bush, der 9/11 für zwei kriege zu nutzen wusste und damit ein undurchschaubares, nachhaltiges chaos in afghanistan und im irak anrichtete. und vor allem sehr viel leid. sein nachfolger, barack obama, wird an seinen taten zu messen sein. seine worte sind und waren vielversprechend.

und sonst? es gäbe viel zu berichten über terroranschläge, attentate, amokläufe (an schulen), naturkatastrophen (hochwasser), verstorbene persönlichkeiten - aber ist das tatsächlich alles von belang? einmal mehr, einmal weniger. die mediale entwicklung hat ihren teil dazu beigetragen, dass wir nicht mehr wirklich wissen, was wichtig ist. der soziale mediale kitt wird immer brüchiger, weil sich die medialen rezeptionsgewohnheiten immer mehr individualisieren. aus passiven rezipienten wurden nach und nach produzenten, citizen journalism (andreas lindinger und ich haben bereits im jahr 2001 damit begonnen), soziale netzwerke und blogs laufen den etablierten massenmedien langsam den rang ab. allen voran die printmedien befinden sich in einer noch nie dagewesenen krise, der man im nächsten jahrzehnte nur standhalten wird können, wenn man neue erlösmodelle findet und mehrere kanäle gewinnbringend zu bespielen versteht.

die technische entwicklung hat in den nullerjahren veränderungen gebracht, derer wir uns - so glaube ich - noch nicht wirklich bewusst sind. die auswirkungen des internet auf unser denken, auf unser soziales verhalten und in letzter konsequenz auf unser gehirn sind nicht zu unterschätzen. im jahr 2000 benutzte man das handy dann und wann zum telefonieren, heute ist man mit smartphones permanent erreichbar, stets bereit, neue informationen zu versenden und zu empfangen. wer heute offline ist, ist wahrlich weg vom fenster.

die arbeitswelt ist geprägt vom kampf um die arbeitsplätze. immer mehr gut ausgebildete menschen raufen sich um immer weniger gute jobs. wer den berufseinstieg in den nullerjahren erfolgreich geschafft hat, konnte und kann nicht sicher sein, ob er sich morgen wieder um etwas neues umsehen muss. unsichere dienstverhältnisse prägen die modernen erwerbsbiographien, mit durchschnittlichkeit kommt man nicht weit, belohnt werden vor allem die stars. sie werden mit geld überhäuft, egal ob im fußball oder in der wirtschaft.

und dennoch ist die arbeit dem durchschnitt, der masse, noch immer das höchste gut, sichert sie doch unseren so genannten wohlstand, unsere materielle sicherheit.

kurzum: die nullerjahre, war das die beste aller welten?

wahrscheinlich schon. oder auf gut österreichisch:

du kannst es dir eh nicht aussuchen.

***

Dieser Beitrag von Christoph Weiermair erschien auch in seinem Blog cdw // der blog.

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